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Skeptizismus, Whisky und Politik

Bayern und die Ukraine

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Bayern sind rückständige, einfältige, sture, ungebildete und unfreundliche Grantler, die alle Auswärtigen als Saupreissn verachten. Dieses Vorurteil mag nicht völlig aus der Luft gegriffen sein. Aber die Bayern haben auch ganz eindeutig großartige Seiten. Eine davon durfte ich gestern Abend mal wieder erleben.

Ich war bei einem Freund zu Besuch und wir waren mitten in einer Diskussion, als wir von dessen Vater mit einem eigenwillig gekleideten Menschen im Schlepptau unterbrochen wurden. Lange Haare mit ausrasierten Seiten, Schnauzbart, eine graue Leinenjacke über grünen Hosen und Lederstiefeln und ein freundliches Lächeln im Gesicht. Ob wir denn Lust hätten, mit zu den Ukrainern zu fahren. Die von meinem Freund erweiterte Frage „Hast du Bock, richtig gute Musiker aus der Ukraine zu sehen?“ hat die Antwort dann sofort erübrigt (was er natürlich wusste) und wir sind mit einem Karton Wein unter dem Arm aufgebrochen.

Auf der Fahrt hab ich die Geschichte dahinter gehört, zumindest in der Kurzfassung. Vor einiger Zeit hat eine Ukrainerin bei uns im Landkreis den Besuch einer Musikgruppe aus ihrer Heimat angeleiert. Mit Unterstützung von ein paar Ansässigen (unter anderem Markus Wasmeier und den Eltern meines Freundes) ist die Sache ins Laufen gekommen und inzwischen hat sich ein so gute Freundschaft gebildet, dass man sich regelmäßig gegenseitig besucht und die Gruppe hier immer öfter auftritt. Darüber hinaus gibt es auch regen Austausch auf anderen Gebieten.

Mehr Hintergrund war erst mal nicht drin, denn die Fahrt war nicht so lang, sondern nur zu einem kleinen Hotel um die Ecke, mitten im komplett ländlichen Wohngebiet, wo uns bereits im Hof Musik entgegen klang. Drinnen dann ein bunter Haufen Männer und Frauen mit verschiedenen Streich-, Zupf- und Blasinstrumenten, die uns gleich Willkommen geheißen haben. Den restlichen Abend kann ich nur schwer beschreiben, denn man muss es eigentlich erlebt haben. Musikalisch war es der Wahnsinn, Volksmusik wie sie sein sollte, völlig irre gespielt, mit mehrstimmigem Gesang wie er besser nicht mehr sein kann, viel Wein und viel Herzlichkeit. Gespräche gab es auch einige, doch die wurden immer wieder unterbrochen, weil man Tanzen musste. Tanzen ist nun nicht so richtig meins (und frau muss wohl schon ziemlich verzweifelt sein, wenn sie mich auffordert ;-), aber „nein“ war schlichtweg keine Option. Und ich gebe ja zu, ich hatte auch dabei richtig Spaß, vor allem, als wir einen der Tänze (wie auch die Musik dazu) erst mal neu erfunden haben.

Ich habe auch einige wunderbare Geschichten über die Leute gehört (wie sie in der Kirche in Birkenstein bei einem abendlichen Spontanbesuch die Nonnen mit ihrem Gesang zu Tränen gerührt haben, war nur eine davon), aber das tollste war einfach, dass das alles überhaupt so einfach und natürlich ablaufen konnte. Dass der Besitzer des Hotels sie gern immer einquartiert, jeden Abend bis in die frühen Morgenstunden mit ihnen feiert und singt (statt sich über den Lärm aufzuregen, was wohl auch keiner der Nachbarn tut), sie auch bereits in der Ukraine besucht hat, usw. Dass man einfach so, ohne großen Umstand und ohne sich zu kennen (oder die gleiche Sprache zu sprechen), zusammen feiert und eine gute Zeit hat.

Dass die Menschen manchmal ohne groß drüber nachzudenken einfach sind wie sie sind – nämlich ganz schön toll.

3 Kommentare

  1. Wahnsinnsabend, oder? Mit den Ukrainern kann man halt schon feiern.

  2. Schön, hier mal was positives zu lesen! Klingt nach nem tollen Abend, auf dem ich gefehlt habe.

  3. Hört sich wirklich super an. Sehr gut beschrieben. Macht neidisch nicht auch mit dabei gewesen zu sein.

    @Nils: Hehe, netter „inverser Vorwurf“ mit dem „positiv zu lesen…“. Ganz so würde ich es nicht sehen. Negatron setzt sich eben sehr kritisch mit den Dingen des Lebens auseinander. Und das macht er meiner Meinung nach ziemlich gut!

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