The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Das echte Leben – im Zug

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Immer wieder kommt die Debatte über den Vergleich Auto gegen Bahn auf und immer wieder streiten sich Verfechter der beiden Lager mit den gleichen Argumenten. Ich will nun auch gar nicht auf Pünktlichkeit, Stressfaktor und all die anderen zigfach durchgekauten Streitpunkte eingehen. Einer erschien mir heute aber doch interessant, und das ist der, dass man in der Bahn die ganzen nervtötenden Mitfahrer aushalten müsse

Natürlich gibt es sie, die nervtötenden Mitmenschen. Die Ungewaschenen mit der Schweissfahne. Die Lauten, die jedes Detail ihres unwichtigen Lebens mit Handy am Ohr ihrer gesamten Umwelt mitteilen müssen. Die anderen Lauten, die über drei Reihen hinweg ähnlich interessante Gespräche führen oder Parties feiern. Die Aufdringlichen, die mangels Handy den Sitznachbarn zutexten müssen. Aber halt, es gibt auch die anderen, sogar in der letzten Kategorie. Die wirklich interessanten Bekanntschaften, die ich in all der Zeit in der Bahn gemacht habe.

Schon vor vielen Jahren war da der Inder, der unbedingt mit mir Bier trinken und dabei von seiner Familie in Indien erzählen wollte. Wie sie versuchten, ihm seine Freunde aus niedrigeren Kasten zu verbieten, wie er sich dagegen aufgelehnt und schließlich mit seiner Familie gebrochen hat, was extrem hart war, aber letztlich auch sehr befreiend. Die Begegnung endete damit, dass er den Zugführer so lange bequatscht hat, bis der den ICE an einem Minibahnhof in irgendeinem Kaff auf der Strecke angehalten hat, damit ein anderer Inder, der kein Wort Deutsch oder Englisch gesprochen und deswegen seinen Umsteigebahnhof versäumt hat, dort aussteigen und doch noch ans Ziel gelangen konnte.

Erst kürzlich die Frau, die mir von München bis Hannover Geschichten von den Reisen erzählt hat, die sie mit ihrem Mann und später mit Freundinnen unternommen hat. An die entlegensten Winkel der Welt, nach Russland vor dem Fall des eisernen Vorhangs, immer alles spontan und vor Ort organisiert und nie als Pauschalreise und das alles ohne Fremdsprachenkenntnisse. Sie mag eine einfache Hausfrau ohne große Bildung gewesen sein und trotzdem war sie weltgewandter (und menschlicher) als viele andere wesentlich gebildetere Menschen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe.

Der Skilehrer aus Südtirol, der endlich mal Hamburg sehen wollte und jeden Mitreisenden in seiner Nähe dazu gebracht hat, die eigene Geschichte zu erzählen, ohne dass es ihnen peinlich gewesen wäre.

Der Biologe, mit dem ich ins Gespräch gekommen bin, weil wir beide Bücher über Religion gelesen haben und nach ein paar verstohlenen Blicken in das Buch des anderen das Gespräch quasi unvermeidbar war.

Es waren noch mehr, aber die Erwähnten springen sofort ins Gedächtnis.
Zugegeben, solche Erfahrungen geschehen nicht auf jeder Fahrt. Aber auch die Nervensägen sitzen nicht immer neben einem, und für die hat der Mensch den Kopfhörer erfunden. Man sollte sich aber eben doch nicht immer abschotten, sondern durchaus mal seine Umwelt an sich ranlassen. Man kann sonst so Einiges verpassen.

Ein Kommentar

  1. Also es gibt keinen Ort, an dem man anderen Menschen so nahe kommt, wie im Zug. Ich finds gut.

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