The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Fortschritt macht alles besser

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Moderne Kommunikationsmittel machen das Leben leichter. Dieses Mantra müssen wir einfach nur oft genug wiederholen, dann wird es sicher irgendwann wahr.
Seit einer Woche bekomme ich völlig absurde Spam-SMS auf mein Handy. Irgendwelche obskuren Aktien-Meldungen, die natürlich mindestens so uninteressant wie nervig sind. Da aber alle von der gleichen Nummer verschickt werden, dachte ich mir in meinem nicht mehr so ganz jugendlichen Leichtsinn, ich könne einfach bei meinem Mobilfunkbetreiber anrufen und die Nummer sperren lassen.

Also gleich mal beim Kundencenter angerufen. Dort wurde ich von einer freundlichen Computerstimme begrüßt, die mir die Optionen genannt hat, die ich durch Drücken der entsprechenden Nummer aufrufen kann. Aber erst, nachdem sie mir über eine Minute lang irgendwelche Werbenachrichten mitgeteilt hat, welche tollen neuen Features ich mit meinem Handy nutzen könnte. Da ich zu der seltenen Art Mensch gehöre, die ihr Handy in erster Linie zum Telefonieren nutzen, fand ich das natürlich unglaublich spannend. Die Nummer, die ich drücken musste, um zu einem real existierenden Kundenbetreuer durchgestellt zu werden, war übrigens die 0 und kam natürlich ganz zum Schluss, wo Menschen aus Fleisch und Blut aus Sicht der neuen Kommunikationsmittel vermutlich auch hingehören. „Einen Moment, sie werden schnellstmöglich zum nächsten freien Mitarbeiter verbunden“. In der Zwischenzeit dürfen sie sich aber weiter grenzenlos spannende Angebote anhören. Meine Nerven fangen an, Samba zu tanzen.
Irgendwann meldet sich am anderen Ende tatsächlich ein Mitarbeiter, dem ich mein Problem schildern kann. „Nennen Sie mir bitte ihr Service-Passwort.“ Tja, das hab ich zwar irgendwo, aber halt zu Hause. Wenigstens lässt er eine alternative Identifikation über ein paar persönliche Daten zu. Und dann hat er auch schon die Lösung bereit: Ich müsse mich nur auf der Homepage der Mobilfunkfirma einloggen und dann könnte ich meine E-Mail-Einstellungen ändern, sprich die Benachrichtigung per SMS ausschalten. Stimmt, ich hab ja sinnloserweise eine Mailadresse zu meinem Handyvertrag dazubekommen, die ich zwar noch nie benutzt habe, die aber als neues tolles Feature automatisch eine SMS-Benachrichtigung über neue Mails enthält. Und die informiert mich seit einer Woche über den neuesten SPAM. Toll. Ich frage nach, ob er das nicht gleich ausschalten kann. Kann er nicht, aber über die Online-Kundenbetreuung sei das alles kein Problem. Ich glaube ihm leichtfertig und beende das Gespräch.
Für die Online-Kundenbetreuung brauche ich natürlich dieses Passwort, das ich natürlich nicht habe. Aber das kann man sich ja per SMS zuschicken lassen. Sofern man seine Kundennummer eingibt, die wiederum auf der Rechnung steht. Die hab ich nicht in der Arbeit, also verschiebe ich das auf Abends zu Hause.
Da gebe ich dann meine Kundennummer ein. „Ihr Passwort wird ihnen sofort zugeschickt“. 15 Minuten später, kein Passwort ist da. Ich gebe noch mal meine Kundennummer ein. Weitere 10 Minuten später erhalte ich dann 2 SMS mit zwei neuen Passwörtern. Na gut.
Mit meinem neuen Passwort gehe ich nun ins Kundencenter. Nur finde ich da auch nach weiteren 10 Minuten nirgendwo einen Punkt, wo ich meine Maileinstellungen ändern kann. Meiner Freundin kommt hinzu und bemerkt, dass es links in der Navigation ein Stück unter Kundencenter auch einen Punkt E-Mail gibt. Aha, das geht also gar nicht über das Kundencenter, sondern über einen eigenen Punkt, für den man sich getrennt einloggen muss. Das macht Sinn.
Nur funktioniert für diesen Login natürlich mein Service-Passwort nicht. Warum auch, das ist ja für’s Kundencenter. In dem Fenster, das sich öffnet um mit mitzuteilen, dass meine eingegebenen Daten falsch waren, gibt es wieder eine Eingabe-Maske. Diesmal aber nicht mit Benutzername und Passwort, sondern mit Benutzname und PIN. Wieso PIN? Und welche? Die vom Handy? Funktioniert genauso wenig wie das Passwort. Also Fenster schließen und zurück zur Startmaske. Hier kann man sich sein Passwort auch nicht im Falle des Vergessens zuschicken lassen, dafür gibt es einen Punkt Administration. Ich probiere den und tatsächlich kann ich mich hier mit meinem Servicepasswort anmelden. Wieder öffnet sich ein neues Fenster mit ganz neuen Optionen. Zum Beispiel dem Punkt SMS-Benachrichtigung, den ich erfreut anklicke. Allerdings kann man das hier nicht einstellen (warum auch, wir sind ja in der Administration), sondern wird auf die FAQ auf der Startseite umgeleitet, die einen darüber aufklärt, wie nützlich die Funktion SMS- Benachrichtigung sei. Zurück geht übrigens nicht, man kann das Fenster nur noch schließen. Weitere 10 Minuten spiele ich mit den ganzen neuen Möglichkeiten herum, allerdings ohne Erfolg. Irgendwann ist meine Lust dem Ärger gewichen und ich beschließe, das Problem auf den nächsten Tag zu verschieben. Bevor ich mein Handy ausschalte, bekomme ich noch eine SMS über einen neu eingetroffene Mail zum Thema Viagra. Ich unterdrücke den Reiz, mein Handy an die Wand zu werfen und gehe ins Bett.
Neuer Tag, neues Glück. Ich wiederhole die gestrige Prozedur und achte darauf, ob ich irgendwas übersehen habe. Mit frischen Augen macht das Sinn, denn in der Administrationsmaske finde ich auf irgendeiner Unterseite eine sechsstellige PIN. PIN? Da war doch was. Ich versuche die PIN auf der Login-Seite zum Bereich E-Mail. Geht nicht. Ich versuche die PIN auf der darauf erscheinenden Fehlerseite. Ein neues Fenster öffnet sich. Das kenn ich noch nicht. Strike! Eine Übersicht über zig Mails, die ich nie haben wollte in einem E-Mail-Konto, das ich auch nie wollte. Auch hier gibt es wieder einen Punkt Einstellungen. Und hier kann ich jetzt auch endlich die SMS-Benachrichtigung ausschalten.
Gottseidank sind die Zeiten vorbei, in denen man sich umständlich mit Menschen abgeben musste. Heutzutage gibt es virtuelle Kundencenter, in denen man Probleme ganz leicht und einfach selber beheben kann. Ich freue mich auf die Zukunft.

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