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Buchkritik: Sophie Andresky РV̦gelfrei

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Ich muss zugeben, dass erotische Literatur jetzt nicht gerade mein Spezialgebiet ist. Das Genre ist bisher eigentlich eher an mir vorbeigegangen. Vor einiger Zeit bin ich allerdings über ein Interview mit Sophie Andresky in der Süddeutschen gestolpert, in dem sie sehr sympathisch rüberkam und auch einige gute Sachen gesagt hat und das hat mich dann doch neugierig gemacht.

Also hab ich mir ihrem Debutroman Vögelfrei gegriffen. Eines wurde hierbei schnell klar, „erotische Literatur“ trifft es eher wenig. Porno ist eindeutig das richtige Wort, denn gekuschelt wird hier eher wenig, sondern es geht schon ziemlich zur Sache. Für Leute, die damit ein Problem haben, ist das Buch also auf alle Fälle schon mal nichts.

Klassischerweise haben Pornos zwei große Probleme. Das erste ist die Sprache. Sprache in Verbindung mit Sex halte ich generell für ziemlich schwierig. Sex ist nach wie vor ein Tabuthema und die wenigsten schaffen es, da locker und unverkrampft drüber zu sprechen. Eine Sprachkultur haben wir da nicht, weswegen die Gratwanderung zwischen den Abgründen „bieder“ und „billig“ den meisten recht schwer fällt. Die meisten Pornos versuchen sie gar nicht erst zu meistern, sondern springen bereitwillig auf der Seite billig und plump runter, was dann doch eher abtörnend wirkt. Bei einem Buch ist die Problemstellung dann natürlich noch gravierender als bei Filmen, da man hier nicht einfach den Ton wegdrehen kann. Vielleicht ein Grund, warum ich das Genre bislang in Buchform eher gemieden habe.

Sophie Andresky schafft diese Gratwanderung allerdings ziemlich gut. Ihre Sprache ist direkt, alles andere als verklemmt, aber nur selten plump (und dann auch meist nicht grundlos). Die Sexszenen sind nicht lächerlich und nicht peinlich, sondern werden überwiegend recht treffend und der Situation angemessen beschrieben. Da kann die Autorin meiner Meinung nach eindeutig glänzen.
Auch deswegen, weil sie es nicht bei rein technischen Beschreibungen belässt, sondern diese auch immer recht überzeugend in die Gefühlswelt ihrer Titelheldin Marei einbindet.

Das zweite Problem ist die Sache mit der Handlung. Auch wenn man Pornos wohl in erster Linie wegen der Sexszenen konsumiert, will niemand einfach nur eine bloße Aneinanderreihung derselben, sondern das ganze in eine mehr oder weniger sinnige Handlung eingebunden haben. Andresky versucht sich an einer sinnigen Handlung, die auch allein bestehen kann. Der Rahmen ist die Rache einer betrogenen Frau, die als Wiedergutmachung für eine Affäre ihres Mannes ein Jahr lang sexuelle Narrenfreiheit bekommt (und unbegrenzten Zugriff auf seine Kreditkarte) und in diesem Jahr nicht nur alle Möglichkeiten auskostet, sondern dabei auch einiges über sich selber lernt und begreift. Das bekommt sie allerdings nicht ganz so gut hin.

Diese Handlung funktioniert zwar im Großen und Ganzen recht gut.  Es gibt ein paar logische Lücken und die eine oder andere Wendung wirkt auch etwas konstruiert – aber es geht schließlich darum, wie ein Mensch seine Geschichte und seine Selbstfindung erzählt und das ist eben nicht immer logisch. Das passt schon.
Das Buch hat aber ein grundsätzliches Problem, das ich – um im Thema zu bleiben – jetzt einfach mal ejaculatio praecox nennen möchte. Andresky kommt zu schnell auf den Punkt.

Nicht, dass die Handlung flach wäre. Die Autorin ist durchaus um Tiefgang bemüht und das gelingt ihr eigentlich auch. Aber sie geht in den meisten Szenen einfach zu schnell voran. Wofür andere Autoren (zu Recht) 10 Seiten verwenden, das handelt sie in einem Absatz ab. Und das ist sehr schade, denn da wäre in den meisten Kapiteln schon deutlich mehr gegangen. Die Ideen sind nämlich durchaus da, nur werden sie zu wenig ausgeführt.

Besonders deutlich wird das in dem Kapitel über ihren Ausflug in die SM-Welt, das die Autorin gleichzeitig für einen Ausflug in die Bereiche Psychothriller bzw. Horror nutzt. Aus dem Handlungsstrang dieses Kapitels hätte man sehr viel machen können (eigentlich sogar ein komplettes, eigenes Buch), aber Andresky geht so schnell darüber weg, dass sowohl die Handlung wie auch die Titelfigur leider völlig unglaubwürdig und platt werden. Was schade ist, denn gerade dieses Kapitel hat eigentlich großes Potential, da es eine der Schlüsselszenen in der Selbstfindung der Titelfigur darstellt.

Bevor das jetzt aber zu kritisch klingt – ich fand das Buch letztlich trotz dieser Mängel recht gelungen und hab mich durchaus unterhalten gefühlt. Einige Teile fand ich sogar richtig gut und andere haben mir sogar zu denken gegeben. Viel mehr kann man von einem Roman eigentlich nicht erwarten. War also vermutlich nicht das letzte Buch, dass ich von Sophie Andresky gelesen habe.

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