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Skeptizismus, Whisky und Politik

China Miéville – Embassytown

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Mit dem Fantasy-Genre ist es wie mit dem Progressive Rock – der Name ist nicht nur irreführend, sondern bedeutet in den meisten Fällen sogar das genaue Gegenteil von dem, was es tatsächlich ist. In beiden sucht man Innovation, Grenzüberschreitung und eben Fantasie oftmals vergeblich, stattdessen werden die immer gleichen Klischees und Standards behäbig über breit ausgetretene Wege getrieben, um nur ja keinen Leser bzw. Hörer zu verblüffen oder gar herauszufordern. Die perfekte Ödnis. Von der China Miéville glücklicherweise kein Teil ist.

Bei Miéville ist Fantasy immer neu, eigen, seltsam, fremd, verblüffend und ja – fordernd. Aus Prinzip erklärt er nur so viel, dass man sich gerade zurechtfinden kann und wirft den Leser ansonsten in Welten, deren Regeln (gesellschaftlich, politisch, moralisch, biologisch, physikalisch, etc.) und auch deren Bewohner immer fremd und eigenartig bleiben. Auch kann man kein menschliches Zeitalter zuordnen, denn von der Entwicklung sind seine Gesellschaften teils hinter uns zurück, teils weit voraus und nicht selten ganz woanders. Was ihn auch nicht auf das Genre Fantasy beschränkt, sondern ebenso zu Science-Fiction macht. Aber auch das greift zu kurz, denn seine Bücher sind oftmals ebenso Thriller, Gesellschaftsstudie, Krimi, Horror und Steampunk. Er benutzt eben in der Tat seine Fantasie und das reichlich.

Unterstützt wird das auch durch die Sprache, in der er nicht nur oft auf ausgefallene Wörter zurückgreift, sondern ebenso gern Begriffe abändert (wie es in der Umgangssprache einer fremden Kultur passieren würde) oder gar komplett neu erfindet. All das macht das Bild noch stimmiger, die Bücher aber zumindest im englischen Original zugegebenermaßen auch eher anspruchsvoll zu lesen.

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, sondern sich eher angefixt fühlt, dem sei eigentlich jedes Buch von ihm empfohlen. In diesem Falle aber konkret Embassytown, denn das habe ich gerade mit Begeisterung gelesen. Die Handlung spielt auf einem abgelegenen Planeten in ferner Zukunft, in der Nachfahren der Menschen zusammen mit bizarren Außerirdischen leben, die nicht nur über eine völlig fremdartige Biotechnologie und Kultur verfügen, sondern mit denen obendrein nur über eine reichlich abgefahrene Art und Weise kommuniziert werden kann. Nach Jahrhunderten eher dröger Stasis gerät das Gefüge zwischen den beiden Spezies ohne Vorwarnung dramatisch ins Wanken und stellt alles infrage, was für beide Seiten als sicher und normal gegolten hat.

Ein zentraler Aspekt des Buches ist Sprache und wie sie uns, unsere Gesellschaft und die Realität definiert. Fans wird nicht weiter überraschen, dass es dabei nicht einfach nur um eine fremde Sprache der Aliens geht, sondern ein ziemlich eigenwilliges Konzept hinter dem Ganzen steht. Ich würde zwar nicht so weit gehen, das Buch in den Bereich der Philosophie zu stellen, aber es steckt wieder einmal deutlich mehr dahinter als einfach nur eine gut erzählte und spannende Handlung.

Unbedingte Leseempfehlung!

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