The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Helen Keller – The Story Of My Life

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Es gibt Geschichten, die so unwahrscheinlich klingen, dass sie wahr sein müssen. Es würde sie schlicht niemand glauben, würde man sie erfinden. Eine dieser Geschichten ist für mich die von Helen Keller. Keller wurde 1880 in Tuscumbia, Alabama geboren. Im Alter von eineinhalb Jahren erkrankte sie an Hirnhautentzündung und verlor in Folge dieser Krankheit nicht nur ihr Augenlicht, sondern auch ihr Gehör vollständig. Trotzdem gelang es ihr mithilfe verschiedener Lehrer nicht nur, Lesen, Schreiben und Sprechen zu erlernen, sondern sie ging auf ein normales College, erlernte mehrere Sprachen, machte ihren Abschluss cum laude und wurde Autorin und Kämpferin für die Rechte und Förderung von Blinden. (Die genauen Fakten dieser Geschichte wiederhole ich an dieser Stelle nicht, sondern verweise auf den Wikipedia-Eintrag dazu.)

Den meisten von uns ist vermutlich nicht bewusst, wie schwer sich jemand, der auf Gehör und Augenlicht verzichten muss, mit dem Erlernen einer Sprache tut. Vor allem abstrakte Begriffe oder Konzepte wie Grammatik sind nicht ohne Weiteres durch Tastsinn oder Geruch zu erfassen. Wie eindrucksvoll die Entwicklung von Keller hier war, wird vor allem in ihren Briefen bewusst, die den zweiten Teil ihrer Biografie „The Story Of My Life“ ausmachen. Dass ihre Lehrerin es binnen eines Jahres schafft, Helen überhaupt Schreiben beizubringen, ist allein schon erstaunlich (vor allem Ende des 19. Jahrhunderts, als Medizin, Pädagogik und Forschung im Allgemeinen noch weit hinter dem heutigen Stand zurück waren). Die Fortschritte, die sich aber binnen kürzester Zeit in ihren sprachlichen Fähigkeiten zeigen, sind beeindruckend. Man kann mitverfolgen, wie ihr Geist sich entfaltet und ihr eine neue Welt erschließt, die sie dankbar in sich aufsaugt.

Im ersten Teil dieses für eine Biographie schon sehr früh erschienenen Buches, dass Helen im Alter von 25 Jahren geschrieben hat, beschreibt sie selber diese beeindruckende Entwicklung voller Bescheidenheit und erfüllt von großer Dankbarkeit gegenüber ihren Eltern und ihren Lehrern, die ihr diese ermöglicht hatten. Auch hier fallen ihre sprachlichen Fähigkeiten auf, die keinen einzigen Hinweis auf ihre Einschränkungen vermuten lassen. Diese Hinweise fehlen oftmals leider auch inhaltlich, was für mich das einzige Manko dieses Buches darstellt. Da Helen sich nicht als etwas Besonderes begreift und sich nicht von anderen abheben möchte, beschreibt sie vieles aus der Perspektive eines sehenden und hörenden Menschen, nicht aus ihrer eigenen Wahrnehmung heraus. Gerade diese würde mich aber an vielen Stellen weit mehr interessieren, ebenso wie die Techniken, mit denen sie es geschafft hat, die verschiedenen Hindernisse zu überwinden, vor die sie gestellt war. Der Teil fällt leider etwas kurz aus und beschränkt sich oftmals nur auf Andeutungen oder wenige Sätze.

Trotzdem ist das Buch faszinierend. Und ein Statement dafür, wozu Menschen in der Lage sind, wenn man sie als gleichwertig behandelt und ihnen die Möglichkeiten zur Entfaltung gibt.

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