The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

„Bist du im Krieg gegen die Homöopathie?“

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„Nein, ich bin im Krieg gegen die Dummheit.“ So könnte man – verkürzt und auch etwas pathetisch – ein Gespräch zusammenfassen, dass ich die Tage mit einem Freund geführt habe. Ihm war nicht entgangen, dass Homöopathie in letzter Zeit öfter das Thema sowohl diverser Onlinebeträge wie auch real und mit einer gewissen Vehemenz geführter Diskussionen war. Doch um Homöopathie geht es eigentlich gar nicht in erster Linie. Sie ist nur ein Symptom für eine beunruhigende Entwicklung, wenn auch ein sehr deutliches, was die obige Frage erklären mag.

Da ich gerade ein thematisch recht passendes Buch von Carl Sagan lese, erscheint mir dies als der richtige Moment, die Sache etwas breiter auszuführen.

Wir leben in einer paradoxen Zeit. Einerseits konnten wir nie zuvor so viel über die Welt wissen wie heute. Die Sprünge, die unser Wissen über die Welt in den letzten Jahrhunderten (und dann auch Jahrzehnten) gemacht hat, sind enorm. Auf allen Gebieten konnten wir unser Verständnis erweitern und haben Einblicke erhalten, die noch vor vergleichsweise kurzer Zeit völlig undenkbar waren. Unsere Lebenserwartung hat sich verdreifacht. Seuchen, die noch vor ein paar Generationen regelmäßig tausende dahingerafft haben, sind eingedämmt und teilweise endgültig besiegt. Es ist Alltag für uns, zu fliegen, über jede Entfernung zu kommunizieren, Computer zu benutzen. Diese Zeilen schreibe ich auf einem Notebook in einem vollklimatisierten Zug und mache sie über Internet ohne große Umstände jedem zugänglich. Diese Entwicklung haben wir einzig und allein einem Umstand zu verdanken, der bereits in der Antike in Griechenland entstanden, dann für ein gutes Jahrtausend wieder vergessen und letztlich durch die Aufklärung wiederbelebt worden ist: dem wissenschaftlichen Denken.

Bedeutet das, dass wir alles wissen? Natürlich nicht. Davon sind wir nach wie vor weit entfernt. Wäre es anders, hätten wir gar keine Notwendigkeit mehr für Wissenschaft. Nichtsdestotrotz wissen wir mehr als je zuvor. Man könnte ein Leben damit verbringen, nur einfach nur zu lernen und staunen. Es würde nicht reichen, um die Welt in ihrer Gesamtheit zu verstehen.

Wie nun gehen wir mit diesen Möglichkeiten um? Verbringen wir unsere Zeit mit Lernen? Verbringen wir unsere Zeit mit Staunen? Haben wir unseren Geist mit Wissen und Logik geschärft? Nein – und hier komme ich nun zum Andererseits – wir suchen stattdessen nach „einfachen Antworten“. Nach Spiritualität. Nach dem ganzen alten Quatsch und Humbug, der das Mittelalter zu einer der düstersten Epochen der Menschheit gemacht hat und den die Aufklärung wohl doch nur vermeintlich besiegt hat.

Wenn wir in einem Auto sitzen und bei Tempo 200 in die Bremsen steigen, weil vor uns ein Stau ist, dann verlassen wir uns gerne auf die Wissenschaft, um zum Stehen zu kommen. Genauso nehmen wir es als selbstverständlich hin, dass ein Flugzeug uns sicher durch die Luft an unseren Zielort bringt oder der Computer alltägliche Aufgaben für uns bewältigt. Wenn wir aber krank sind, dann glauben wir lieber an Zuckerkügelchen, komplett schwachsinnige und in zahllosen Untersuchungen widerlegte Konzepte wie Potenzierung, den Simile-Effekt und ein Gedächtnis des Wassers. Und wenn die Wissenschaft uns sagt, das das alles Unsinn ist, dann verleugnen wir sie und faseln irgendwas davon, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde geben würde, als wir erklären könnten.

Natürlich gibt es die. Überall. Aber das bedeutet nicht, dass jede x-beliebige Quatscherklärung Wahrheitsanspruch haben darf, obwohl sie allem widerspricht, was wir über die Welt wissen. Nur weil wir sie gerne glauben wollen, werden Dinge nicht wahr.

Es ist eine Schande! Wir könnten so schlau sein! Wir könnten so weit sein! Wir haben nicht nur besseren Einblick in die Funktionsweise der Welt um uns herum als je zuvor, sondern auch in die Funktionsweise von uns selbst. In die Fehler unserer Wahrnehmung, unserer Denk- und Entscheidungsprozesse. Wir wissen, dass unser Gehirn kein exaktes Wahrnehmungsorgan ist, sondern die Informationen filtert und interpretiert. Aus Sicht der Evolution, mit dem Ziel zu überleben, ergibt es Sinn, uns zu belügen und Muster zu sehen, wo keine sind. In Hinblick auf die korrekte Beschreibung der Realität ist das Gehirn aber eher unzulänglich. Genau deswegen wurde die wissenschaftliche Methode entwickelt, die diese Unzulänglichkeit berücksichtigt und uns Hilfsmittel an die Hand gibt, mit denen wir unsere Wahrnehmungsfehler korrigieren können. Genau wie wir eine Rechtschreibprüfung bzw. einen Korrekturleser verwenden, da wir unsere eigenen Schreibfehler nicht sehen können.

Nutzen wir nun diese Methodik? Nein! Wir entscheiden uns dazu, dem Humbug mehr Platz einzuräumen als dem Denken und dem Wissen. Das tun wir auch nicht im Geheimen und schämen uns dafür, nein, wir sind vielmehr auch noch stolz darauf. Nicht die Quatschlaberer und Fantasten, die von Spiritualität, Esoterik und Quacksalberei daherfaseln, müssen sich in Gesprächen rechtfertigen, sondern diejenigen, die diesem ganzen Mist mit Skepsis begegnen. Kein Wissen zu besitzen, ist keine Schande, sondern wird allgemein anerkannt und über die Eierköpfe gelacht, die es wagen, sich nicht für ihr Wissen zu schämen. Wie letztens schon ein guter Freund von mir meinte: Wer in einem Gespräch seine mangelnden Fähigkeiten in Mathematik, Physik oder sonstigem Schulwissen erwähnt, dem ist Schulterklopfen und Zustimmung garantiert, nicht Schimpf und Schande. Wir prahlen mit unserem Unwissen und überbieten uns darin, wer am wenigsten von der Welt verstanden hat. Es reicht uns, abends in Pseudoformaten wie Galileo anzuschauen, wie Fabrikbrötchen durch eine Backstraße laufen. Das ist nichts, worauf wir stolz sein sollten, sondern erbärmlich und peinlich!

Ich habe keine Angst vor Homöopathie. Wer unbedingt an Schwachsinn glauben will, der soll das tun dürfen. Wer sein Geld Spinnern und Betrügern in den Rachen werfen und sich gleichzeitig drüber freuen will, der bösen Pharmaindustrie eins ausgewischt zu haben, der soll auch das tun dürfen.

Ich habe Angst vor dem Stumpfsinn. Vor dem geistlosen Humbug, der sich – zumindest in meiner Wahrnehmung – wieder überall breit macht. Vor dem Halbwissen. Vor dem Aberglauben. Vor Menschen, die Taschenspielertricks bestaunen und Wissenschaft verlachen. Eine solche Haltung hat uns direkt ins Mittelalter geführt. Das ist es, was mich wütend macht. Das ist das, was mir Angst macht. Die Probleme, vor denen die Menschheit steht, werden immer größer und dringlicher. Wir sind dabei, unseren Planeten zu Grunde zu richten und unsere Lebensgrundlagen dauerhaft zu zerstören. Dazu kommen die Bedrohungen durch immer mehr ins Wanken geratende Wirtschafts- und Finanzsysteme, Migrationsprobleme, Sozialsysteme, die den Anforderungen nicht mehr gewachsen sind. Natürlich wird das alles nicht automatisch durch Wissenschaft gelöst. Nicht wenige dieser Entwicklungen sind überhaupt erst durch den Fortschritt entstanden. Wissenschaftliches Denken ist lediglich ein Werkzeug, kein Automatismus zum Guten. Es ist aber das beste Werkzeug, das wir haben, um Fakten erkennen, Zusammenhänge beschreiben und Konsequenzen absehen zu können. Darauf basieren tragfähige Lösungen, nicht auf Wunschdenken und Unwissen. Wir können es uns nicht leisten, die Augen zu verschließen und uns der Ignoranz hinzugeben. Heute noch weniger als früher.

Es wird auch nicht reichen, diese Probleme „denen da oben“ zu überlassen und zu schimpfen, wenn sie sie nicht lösen. Wir müssen selber verstehen, wir müssen selber beurteilen, wir müssen selber handeln. Diese Verantwortung dürfen wir nicht abgeben, sondern müssen sie wahrnehmen, an jedem einzelnen Tag, im Großen wie im Kleinen.

Unser Gehirn gehört zum Erstaunlichsten, was dieses Universum hervorgebracht hat. Wir sollten langsam anfangen, es zu benutzen.

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