The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Die Definition der Realität

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Wir lieben Kategorien. Nur wenig befriedigt uns so sehr, wie eine Kommode mit klar abgegrenzten Schubladen, in die wir die Welt aufteilen können. Nur macht die Welt das nicht immer mit. Sie tut es sogar immer seltener. Je mehr wir über sie lernen, desto komplexer wird sie und desto schwieriger wird es, sie in Schubladen zu stopfen. Auch wenn manche von uns sich dem noch so vehement verweigern und ihre Schwarz-Weiß-Sicht mit Klauen und Zähnen verteidigen. Der Welt allerdings ist das eher egal.

Aufgefallen ist mir das einmal mehr beim Lesen dieses Artikels im Forschungsblog des Fraunhofer-Instituts, der die Hypothese aufstellt, dass alle Menschen behindert seien und sich diese Behinderung nur in Ausprägung und Grad unterscheiden würde. Der Satz mag uns erst mal unangenehm erscheinen – schließlich sehen wir uns selber gerne als normal an. Aber der Autor bringt gute Gründe, um seine Aussage zu untermauern. Das macht es nicht angenehmer sein, sollte uns aber veranlassen, unseren Begriff von „normal“ zu überdenken. Wir sind eben nicht eindeutig in „normal“ und „behindert“ unterteilt, das ist alles nur eine Frage der Definition und der Perspektive.

Was aber noch entscheidender ist – die Definition ist nicht festgeschrieben, sondern muss ständig hinterfragt, angepasst und ab und an auch völlig über den Haufen geworfen werden. Nicht nur bei diesem Thema, sondern bei den meisten. Normalität betrifft nicht nur die Frage nach Behinderung. Auch Krankheit und Gesundheit sind Begriffe, die nicht feststehen, sondern ständig neu gesetzt werden müssen. Zwar fällt es uns nicht schwer, einen Menschen, der mit Krebs im Sterben liegt, als krank zu definieren. Aber wo genau die Grenze zwischen „gesund“ und „krank“ liegt, ist in vielen Fällen kaum zu sagen. Aber genau die Grenzen sind das, was entscheidend ist.

Gehen wir einen Schritt weiter und denken nicht mehr an Krankheit, sondern an Tod. Durch die Debatte über Organspende ist auch hier wieder der Punkt aufgekommen, was Tod überhaupt ist und wann er eintritt. Rechtlich gesehen ist der Hirntod für die Organspende entscheidend, aber da der restliche Körper auch ohne das Gehirn mit Maschinen weiter „am Leben“ gehalten werden kann, ist die Frage, ob Hirntod wirklich gleichbedeutend mit Tod ist, nicht so einfach zu beantworten. Das macht die Entscheidung für oder gegen Organspende für viele nicht leichter.

Man muss dabei auch nicht bis zum Tod gehen. Neue Erkenntnisse in der Neurologie hinterfragen den freien Willen und unsere Verantwortung an unserem Handeln. Das wiederum macht die lieb gewonnenen und vermeintlich einfachen Unterscheidungen von „gut“ und „böse“ noch schwieriger. Ist Verbrechen nur eine neurologische Störung, letztlich vielleicht ein medizinisches Problem? Kann man Verbrecherpersönlichkeiten „heilen“? Ist das als Eingriff in die Persönlichkeit eines Menschen überhaupt wünschenswert?

Wie weit definiert die Neurologie unser Selbst und welche Konsequenzen hat das? Was ist überhaupt unser „Selbst“, worauf basiert es, und wie ist der Zusammenhang und das Zusammenspiel mit unserem Körper?

Seit einiger Zeit verfolge ich ausgesprochen interessiert das Blog von Natalie Reed, einer jungen kanadischen transsexuellen Frau, das ich jedem nur sehr empfehlen kann. Transsexualität war etwas, das in meiner Welt nur vom Hörensagen her existiert hat und ich habe in den letzten Wochen sehr viel beim Lesen dieses Blogs gelernt, was wiederum einiges infrage gestellt hat. Denn auch beim Thema Sexualität, Geschlecht und Identität ist eben sehr viel weit weniger eindeutig und schwarz-weiß, als wir gerne glauben mögen.

Vielen mögen diese Fragen und das Einreißen von Grenzen und Schubladen beunruhigen und ängstigen. Wir müssen uns dazu auch zwingen, denn es entspricht nicht der Funktionsweise unseres Gehirns, uns selbst und einmal erkannte Muster und Schemata zu hinterfragen. Es wird einfacher, wenn man mal damit angefangen hat, aber es bleibt immer Arbeit und Aufwand.

Aber nichtsdestotrotz müssen wir diese Fragen stellen, immer wieder. Mit der Vogel-Strauß-Taktik werden wir nicht nur nicht weiter kommen, sondern uns bei vielen Themen einfach komplett falsch und unfair verhalten. Schubladen mögen das Leben einfacher machen, aber sie haben oftmals grausame Auswirkungen auf diejenigen, die nicht hineinpassen.

8 Kommentare

  1. Es ist sicherlich richtig, immer wieder Fragen zu stellen.
    Nur muss man irgendwann auch mal Antworten geben. Und zwar verbindliche Antworten, da
    eine menschliche Gesellschaft schlecht auf Relativismus basieren kann.

    Der Turmbau zu Babel führte nur zur Sprachverwirrung 😉

  2. Ah, man muss nicht nur manchmal Antworten geben, sondern andauernd. Aber keine Antwort ist endgültig. Man sollte Sturheit nicht mit Reife verwechseln. Ein unvollkommenes Wesen (das wir nunmal sind), kann keine vollkommenen Antworten geben. Das sollten wir einfach akzeptieren.

  3. Woran sollte sich eine menschliche Gesellschaft bei stetigem Wertewandel aber dann orientieren ?

    Ist also auch die „unantastbare“ Menschenwürde eine unvolkommene Antwort ?

    Mag letztendlich so sein, aber wenn wir hier und jetzt stehen, müssen wir uns zu Antworten bekennen,
    und jemand, der gleich morgen seine Gesinnung aufgrund veränderter „Faktenlage“ ändert, ist recht
    unzuverlässig.

  4. Dein Kommentar scheint mir auch ein gutes Beispiel von Schwarz und Weiß zu sein. *g*

    Die Alternative zu völlig unveränderbaren Werten oder Wahrheiten ist nicht Beliebigkeit. Das sind nur zwei Extreme mit sehr viel Platz dazwischen.

    Die Bereitschaft, sich und die Welt immer wieder zu hinterfragen, führt nicht dazu dass das was heute schwarz ist, morgen weiß wird und übermorgen wieder schwarz. So funktioniert rationales Hinterfragen nicht. Das ändert oft Kleinigkeiten, aber nur sehr selten wirklich Grundlegendes, denn dafür braucht es auch extreme Gründe oder revolutionäre neue Erkenntnisse. Die gibt es nicht täglich, sondern nur sehr selten. Aber wenn, dann geben natürlich auch sie Anlass, Grundsätzliches in Frage zu stellen.

    Im Normalfall ist das aber ein fortlaufender Prozess, der auf den bereits gemachten Erfahrungen aufbaut und insofern auch über längere Zeit stringent ist. In der Mehrheit der Fälle führt das Hinterfragen auch zu einer Bestätigung und nicht zu völlig neuen Inhalten.

    Mit Beliebigkeit hat das also eher nichts zu tun.

  5. „Im Normalfall ist das aber ein fortlaufender Prozess, der auf den bereits gemachten Erfahrungen aufbaut und insofern auch über längere Zeit stringent ist.“

    Ja, das ist der Normalfall.

    Es klang für mich nur so, dass du weit schnellere Umwälzungen der Ethik forderst.

    Letztendlich geht es wohl um die Frage, welche Dinge derartige Veränderung einfordern können.
    Das ist sicher etwas mehr, als Interpretation irgendwelcher Forschungsergebnisse.

    Trotzdem bleibt aber auch die Frage, ob etwas nicht doch „bleiben“ soll. (z.B. Ideen wie Menschenwürde oder
    das Wohl aller Menschen)
    Ohne so etwas kommt man imo auch nicht aus, weil sonst die Basis fehlt, anhand der
    überhaupt Entscheidungen über Veränderungen getroffen werden können.

  6. Was den letzten Punkt angeht, so hängt der natürlich von der Begründung ab. Unveränderliche Werte müssen ja auf etwas aufbauen, was sie unveränderlich macht. Für einen Gläubigen ist das Gott, aber wer (wie ich) nicht an einen solchen glaubt, dem fehlt auch die Grundlage dafür, etwas unveränderlich machen zu können. Egal, ob das nun wünschenswert ist oder nicht.

    Ich denke aber auch nicht, dass das wirklich notwendig ist. Menschenwürde gehört zu den fundamentalen Inhalten des Humanismus und ist – wenn man sie rational ableitet – extrem gut untermauert. Auch wenn man aus meiner Sicht alles in Frage stellen kann und soll, so kann ich mir keine Erkenntnis vorstellen, die dazu führen würde, dass Menschenwürde falsch ist und durch ein anderes Konzept ersetzt werden muss. Das würde ja alles, was wir wissen und in den letzten Jahrtausenden durchdacht haben, ad absurdum führen. Insofern ist es theoretisch zwar möglich, aber so unwahrscheinlich, dass man es ausschließen kann.

    Ist letztlich nichts anderes als die Idee, dass ein Stein nach oben fällt, wenn du ihn loslässt, weil die Gravitation falsch ist und die Welt eigentlich ganz anders funktioniert. Als Idee denkbar, aber real zu vernachlässigen. Wann immer die Gravitation hinterfragt wurde, hat sie sich bestätigt.

    Genau so ist es bei der Menschenwürde.

  7. Ich denke nach wie vor nicht, dass man etwas wie Menschenwürde rein rational ableiten kann.
    Dafür braucht es immer eine ethische Grundlage wie „Wohl aller Menschen“.

    Auf Basis anderer Grundlagen (z.B. sozialdarwinistischer Ideen oder gar einem Menschenbild nach Nietzsche)
    kommt man rational ganz woanders hin.

  8. Ich für meinen Teil hab sie rational abgeleitet, eine ethische Greundlage brauche ich dafür nicht. Und Sozialdarwinismus halte ich rein rational auch nicht für schlüssig.

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