The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Nationalismus, Fußball und Deutschland

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Sie branden wieder hoch, die Debatten darum, ob man als Deutscher die schwarz-rot-goldene Fahne schwenken darf bzw. sollte oder nicht. Zwar ist das Sommermärchen einmal mehr nicht wahr geworden, aber die Frage nach gutem Patriotismus und schlechtem Nationalismus bleibt eine aktuelle, die auch ich in den letzten Tagen mehr als einmal debattiert habe. Denn ich fühle mich immer noch nicht wohl mit den Flaggen.

Ich bin mir bewusst, dass meine eigene Wahrnehmung auch nicht objektiv ist, sondern durch die Haltung meiner Eltern – vor allem meines Vaters – geprägt. Mein Elternhaus war konservativ, aber nicht nur komplett frei von jeder Art Tümelei, sondern mit einer tief sitzenden Abscheu gegenüber einer solchen. Mein Vater war ein friedfertiger Mensch, aber zur Schau getragener Nationalismus oder gar Rassismus, Antisemitismus und ähnliche Widerwärtigkeiten brauner Färbung waren ein sicherer Weg, ihn sehr wütend und streitlustig zu machen. Ganz egal, wem gegenüber. Die Ablehnung dem gegenüber war nicht nur Reflex, sondern tiefe und ehrliche Überzeugung. Ich mag oft mit meinem Vater aneinandergeraten sein, gerade in politischen Fragen. Mein Vater war sicher kein Linker. Aber hier hat kein Blatt zwischen uns gepasst und in diesem Punkt führe ich seine Haltung gerne und ebenfalls aus Überzeugung weiter.

Das obige bedeutet aber nicht, dass mein Vater sich für sein Land oder seine Nationalität geschämt oder sein selbige verachtet hat. Im Gegenteil, er war im besten Sinne des Wortes Patriot, der hinter unserer Demokratie, hinter unseren Werten und hinter seiner Identität gestanden hat – aber ohne seine Herkunft, seine Hautfarbe oder sonst etwas zu überhöhen, sich für etwas Besseres zu halten oder andere in irgendeiner Art und Weise abzuwerten. Nicht buckeln, nicht knien, aber auch nicht auf andere herunterschauen. Und aufrecht zu der Verantwortung stehen, die die eigene Vergangenheit mit sich bringt.

Eine Haltung, die für mich viel mit „gutem Konservatismus“ und der Bonner Republik zu tun hatte, als Deutschland noch geteilt war, keine Großmachtfantasien hatte, keinen Sitz im UNO-Sicherheitsrat angestrebt hat und deutsche Soldaten außerhalb unserer Grenzen völlig undenkbar waren. Eine Haltung, die keine Scham beinhaltet hat, aber Demut. Etwas, das uns in der Berliner Republik immer mehr verloren gegangen ist.

Hätte jeder deutsche Patriot diese Haltung – ich hätte keinerlei Probleme mit dem Fahnenschwenken. Wobei, fraglich ob es dann überhaupt stattfinden würde.

Spätestens an dieser Stelle wird nun der Einwand kommen, dass die anderen ihre Nation doch feiern dürften. Das stimmt. Feiern darf jeder. Es kommt nur darauf an, wie. Um den Hintergrund dessen zu erläutern, muss ich wenig ausholen. Letztens gab es in der ZEIT in der Reihe zum kleinen Alltagsrassismus eine Geschichte zu lesen, die ich ebenfalls von Menschen aus meinem Umfeld kenne. Eine junge Frau mit dunklem Teint und Großeltern, die vor vielen Jahren aus der Türkei nach Deutschland immigriert sind, wird jedes Mal, wenn sie jemanden kennenlernt, nach ihrer Herkunft gefragt. Wenn sie dann mit „Karlsruhe“ antwortet, kommt zielsicher die nächste Frage „Nein, woher stammst du?“

Genau das passiert nur im deutschsprachigen Raum. Vor etlichen Jahren war ich in Kanada und Joe, bei dem wir gewohnt haben, was der einzige in seiner Straße mit kanadischen Vorfahren. Aber alle seine Nachbarn waren Kanadier und niemand wäre auf die Idee gekommen, das zu hinterfragen.

Andere Nationen definieren sich über ihren Pass oder darüber, ob die Menschen sich selber zugehörig fühlen oder nicht. Der Deutsche definiert sich nach der Herkunft, nach der Abstammung, nach der Rasse. Es gibt uns und es gibt die anderen. Der Türke bleibt immer der Türke, auch wenn er hier geboren wurde, nur deutsch spricht und die Türkei noch nie besucht hat. Er ist keiner von uns, er gehört nicht dazu. Daran ändert auch ein Mesut Özil im DFB-Trikot nichts.

Und solange das so ist und solange wir es nicht schaffen, uns selber zu feiern, ohne uns abzugrenzen und über die anderen zu stellen – so lange werde ich Bauchschmerzen haben, wenn ich Menschenmassen die deutsche Fahne schwenken sehe. Auch wenn die meisten von ihnen tatsächlich nur friedlich feiern.

PS: Die irischen Fans haben nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft in ihren Trikots bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Die deutschen Fans sind traurig abgezogen und haben Schmähbriefe an die ARD geschrieben, die es gewagt hat, einen italienischstämmigen (sic!) Sprecher die Nachrichten verlesen zu lassen. So ist eben jeder auf seine Art Patriot.

6 Kommentare

  1. Bravo!

    Das einzige, was ich ein wenig anders sehe, ist dass das ein ausschließlich deutsches Problem sein soll. „DER Deutsche definiert sich…“ ich weiß nicht… Da gibt es sicher genug Beispiele auch in der direkten europäischen Nachbarschaft, wo der angeblich gesunde Patriotismus schnell in offene Fremdenfeindlichkeit umschlägt. Das macht es aber natürlich nicht besser, im Gegenteil. Idioten gibt es halt leider überall. Das Beunruhigendste daran ist, dass es eben nicht nur „ein paar Verbelendete“ sind, wie uns die Medien immer wieder gerne weis machen möchten, sondern leider ganz schön viele! Verdammt viele! Und gewundert haben mich diese ganzen Ereignisse seit gestern übrigens auch nicht im Geringsten. Traurig, aber wahr.

  2. Aus deutscher Sicht sehr nachvollziehbar, aber „Nationalismus“ kann auch etwas sein, das „zusammenbringt“.
    So ist etwa ein „bosnischer Nationalismus“ in erster Linie das Zusammenkommen der 3 Gruppen.

    Auch der jugoslawische Nationalismus gründete im Endeffekt auf dieser Idee.

    Das, was den Unterschied macht, ist immer die Positionierung nach außen.

  3. Natürlich kann man an dieser Stelle die Unterscheidung „Patriotismus“ und „Nationalismus“ machen, aber so klar lässt sich das offensichtlich nicht außeinanderhalten, bzw. mit diesen Begriffen nicht ganz erfassen.

  4. Johannes Rau meinte mal: „Ein Patriot ist jemand, der sein eigenes Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“

  5. Jetzt wird bereits über eine „Hymnenpflicht“ für die „Verweigerer“ in der Nationalmannschaft diskutiert. What the fxxk next???

  6. Vielleicht sollte man mal wieder über die Strophen nachdenken. Natürlich rein sportlich 😉

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