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Skeptizismus, Whisky und Politik

Verbrechen, Schuld und Strafe

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„Lasche Strafe für Massenmörder Breivik: Kommt er in 30 Jahren wieder frei?“ titelten rechtskonservative Seiten im Internet vor Kurzem. Aktuell ist durch die mehr als fragwürdige Hinrichtung von Troy Davis in den USA die Diskussion um die Todesstrafe neu entbrannt. Auf der einen Seite haben wir einen Mann, der – soweit bekannt ist und aus der Ferne beurteilt werden kann – ohne ausreichende Beweise durch die Giftspritze hingerichtet wurde. Auf der anderen Seite einen geständigen und fraglos schuldigen Täter, dem im Ernstfall eine Maximalstrafe von 21 Jahren droht. Möglicherweise 30 Jahre, wenn die Strafe aufgrund der besonderen Schwere ausgedehnt wird, was in Norwegen noch nie geschehen ist. Wenn man die beiden Fälle gegenüberstellt, so kommt man um die Frage kaum herum, was angemessen und / oder gerecht ist.

In den meisten Gesellschaften basiert das Strafrecht auf der Vorstellung eines „freien Willens“. Der wiederum geht auf das religiöse Konzept einer Seele zurück, die vom Körper unabhängig ist und sich frei und ohne jeden Einfluss dafür entscheiden kann, gut oder böse (bzw. moralisch oder unmoralisch) zu handeln. Eine Seele, die unseren Tod überdauert und in einem anderen Leben für ihre Taten belohnt oder bestraft wird.

Diese Vorstellung mag in früheren Zeiten naheliegend gewesen sein, ist aber inzwischen immer weniger mit unserem Wissen über die Funktionsweise des Menschen vereinbar. Entscheidungen finden nicht in einem abstrakten Geist oder einer Seele statt, sie sind biologische Vorgänge im Gehirn, die messbar und darstellbar sind. Das gilt für jegliche Art von Entscheidungen, egal ob sie unser Wissen betreffen oder unsere Werte und moralischen Ansichten. Alle sind in fMRT-Scans sichtbar zu machen und somit eindeutig mit biologischen Vorgängen in unserem Gehirn verknüpft.

Wie diese Entscheidungen zustande kommen, ist für uns dabei nicht unbedingt präsent – unser Gehirn trifft diese Entscheidungen. Ãœber Messungen konnte man inzwischen zeigen, dass diese Entscheidungen stattfinden, bevor sie uns überhaupt bewusst werden. Es deutet alles darauf hin, dass unser Gehirn eine Entscheidung trifft und diese danach erst das Bewusstsein erreicht und dort rationalisiert und begründet wird. Der eigentliche Entscheidungsprozess läuft erst mal unbewusst ab.

Wie aber trifft unser Gehirn Entscheidungen? Wir haben bestimmte genetische Voraussetzungen und Fähigkeiten. Basierend auf diesen Fähigkeiten verarbeitet unser Gehirn über unser gesamtes Leben hinweg äußere Einflüsse, lernt daraus und bildet daraus unsere Persönlichkeit. Im Kontext dieser Persönlichkeit trifft es jeden Moment Entscheidungen, die nicht willkürlich sind, sondern eben dieser Persönlichkeit entsprechen. Zu einem Zeitpunkt X ist also für eine bestimmte Situation nur eine Entscheidung möglich – eben genau die, die basierend auf der bis dahin gebildeten Persönlichkeit richtig ist. Wobei jede dieser Entscheidungen die Persönlichkeit weiter entwickelt und fortschreibt. Im Moment der Entscheidung ist das Gehirn also determiniert und trifft nicht willkürlich eine böse oder gute Wahl.

Wenn bestimmte Bereiche des Gehirns nicht oder schlecht entwickelt sind, dann führt das zu Einschränkungen in diesem Prozess. Das ist bei Menschen, die durch Unfälle oder Krankheiten Schädigungen des Gehirns erleiden, für jeden sichtbar. Das Verhalten ändert sich dadurch, teilweise dramatisch. Nicht nur kognitive Prozesse können eingeschränkt sein, sondern auch die Entscheidungsfähigkeit, die Empfindungen und der komplette Charakter einer Person.

Wenn von Geburt an die Funktionsweise bestimmter Bereiche im Gehirn eingeschränkt oder nicht vorhanden ist, so kann das Gehirn aus bestimmten Erfahrungen nicht richtig lernen. Kinder, deren Gehirn kein Mitgefühl, keine Angst und keine Scham empfinden kann, entwickeln sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Menschen, die nicht in der Lage sind, moralische Urteile zu fällen. Die Psychologie nennt solche Personen Psycho- bzw. Soziopathen. Das ist keine intellektuelle Einschränkung. Diese Menschen sind durchaus in der Lage, Regeln zu erfassen. Sie sind aber nicht in der Lage, sie zu bewerten. Sie empfinden das Leid nicht, dass sie anderen Menschen zufügen, sondern stehen diesem ohne Anteilnahme gegenüber. Nicht, weil sie das wollen, sondern weil sie es schlichtweg nicht anders empfinden können und ihr Gehirn keinen Lernprozess durchführen kann, der einen „guten Charakter“ formt. Bei weniger extremen Fällen reden wir einfach von schlechten Menschen.

Wenn diese Entwicklung aber auf einer Kombination Genetik und Erfahrungen beruht, wie sieht es dann mit der Schuldfrage aus?

An unserer Genetik sind wir offensichtlich nicht schuld. Wir haben ebenso wenig Einfluss auf die Funktionsweise unseres Gehirns wie auf die Funktionsweise unserer Bauchspeicheldrüse. Niemand sucht sich aus, Diabetiker zu sein. Genauso wenig wählen wir die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns.

Auch auf die Erfahrungen die wir machen, ist unser Einfluss sehr beschränkt. Wir können uns die Umstände, in die wir geboren werden, nichts aussuchen. Weder unsere Eltern, noch deren Besitzstand, noch die sozialen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten, in denen wir aufwachsen. Können wir also bei dieser Betrachtungsweise schuld sein an unserer Persönlichkeit? Aus meiner Sicht muss die Antwort hier ein recht klares Nein sein. Schuld ist hier schlichtweg keine angemessene Kategorie.

Wenn wir bei unserem Handeln aber nicht von Schuld sprechen können, dann wird auch der Begriff der Vergeltung und der Rache sehr schwierig, weil diese aus meiner Sicht untrennbar mit dem Schuldbegriff verbunden sind. Rache mag emotional plausibel erscheinen, besonders bei schweren und grausamen Straftaten. Aber aus rationaler Sicht ist das nicht haltbar.

Bedeutet das nun weiter, dass wir keine Verantwortung für unser Handeln haben? Auch hier ist die Antwort ein Nein. Es wird selbstverständlich nicht alles willkürlich dadurch. Gerade weil wir aus Erfahrung lernen, ist es wichtig, dass unser Zusammenleben in Regeln eingebettet ist, die zu einer „positiven“ Entwicklung der Persönlichkeit führen. Unsere Persönlichkeit besteht eben nicht nur aus Genetik. Erziehung ändert uns und macht uns – wie jeder Lernprozess – zu dem, was wir sind. Genetik gibt nur den Rahmen vor, in dem dies geschehen kann. Menschen, die in unterschiedlichen Verhältnissen leben, entwickeln sich unterschiedlich.

Das bringt uns zum Gedanken der Resozialisierung. Wenn Strafe einen Sinn ergeben soll, dann muss sie dazu führen, die Persönlichkeit in eine Richtung zu verändern, die unserem Wertesystem entspricht. Das gilt für Kinder genau so wie für Erwachsene. Strafe muss Menschen zu „besseren“ Persönlichkeiten machen, die einen Platz in der Gesellschaft einnehmen können. Oder eben wieder einnehmen können. *

Auch wenn unser Strafrecht auf der überholten Annahme eines freien Willens basiert, so beinhaltet es doch interessanterweise genau diese Mechanismen. Es gibt bei uns keine unumkehrbare und endgültige Strafe. Weder in Form einer Todesstrafe, noch in Form einer tatsächlich lebenslänglichen Haft, die einen Menschen für immer und unwiederbringlich von einem normalen Leben ausschließt. Auch lebenslänglich beinhaltet bei uns die Option, in die Gesellschaft zurück zu kehren. Ohne diese Option wäre kein Lerneffekt und keine Entwicklung möglich, es wäre nur Vergeltung.

Unser Strafrecht ist im Grunde genommen moderner als seine Grundlage. Darauf sollten wir stolz sein, statt immer wieder nach härteren Strafen zu rufen. Auch wenn es nach einer unvorstellbaren Tat wie der eines Anders Breivik schwer fallen mag, weil unser Gefühl uns etwas anders sagt.

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