The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Die Alben des Jahres 2009

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Ein weiteres Jahr neigt sich dem Ende zu und allenthalben nervt man uns mit unwichtigen Rückblenden. Da will ich natürlich nicht nachstehen und füge auch meinen musikalischen Jahresrückblick auf 2009 hinzu.

Insgesamt war das Jahr in Sachen Musik eigentlich sehr stark. Auf den vorderen Plätzen war es sehr sehr eng, bei den ersten drei passt eigentlich kein Blatt Papier mehr dazwischen. Die hab ich auch mehrfach umsortiert, denn eigentlich müssten alle drei Alben auf Platz 1 kommen. Auch danach bleibt es hochklassig, hörbar schwächer wird es erst auf den zweistelligen Plätzen, mit denen ich nun auch traditionell beginnen werde.

15. Mastodon – Crack The Skye

Die Amerikaner gehören zur neuen Welle der US-Metalbands, die ihre Einflüsse sowohl aus dem Hardcore wie aus technischem Death- und progressive Metal beziehen. Die meisten anderen Vertreter dieses Genres langweilen mich tödlich, aber Mastodon haben sich schon auf den Vorgängerwerken angenehm dadurch abgehoben, tatsächliche Songs zu schreiben und nicht nur mit technischem Gefrickel und dicke-Hose-Produktionen zu blenden. Trotzdem war mir das alles oft zu anstrengend und ich hatte eigentlich nur selten Lust darauf, den Vorgänger Blood Mountain aus dem Regal zu ziehen. Auf Crack The Skye bewegen sich Mastodon dann aber noch weiter von ihren Kollegen weg in Richtung klassischer 70er-Jahre-Progrock a la King Crimson. Statt Gebrüll gibt es nur noch Gesang, die Songstrukturen gehen von Mathematik in Richtung LSD-Trip und das meiste Geschredder wurde durch psychodelische Melodiearbeit ersetzt. Viele Fans können mit dieser Entwicklung nichts anfangen, mir hingegen kommt sie sehr gelegen, da ich besagtem Progrock einfach näher stehe als dem technischen Mathcore-Gefrickel. Vor allem, da Mastodon nicht den Fehler machen, einfach nur schon da gewesenes zu kopieren, sondern der Musik durchaus ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken. Gelungenes Werk.

14. Tori Amos – Midwinter Graces

Zu den schlimmsten Erfindungen der Musikindustrie gehören Weihnachtsalben bekannter Künstler, die meist dann veröffentlicht werden, wenn die eigenen CDs nicht mehr richtig laufen und man sich zu ein paar Zusatzeinnahmen mit Kunstschnee und billigem Lametta verspricht. Nun laufen weder die anderen Veröffentlichungen von Frau Amos schlecht noch war sie bislang für kommerzielle Anbiederung bekannt. Ihre Cover-CD Strange Little Girls war kein Namedropping, sondern eine durchaus interessante Neuinterpretation von Songs anderer (in diesem Falle männlicher) Künstler aus ihrer Sicht. Vor diesem Hintergrund hatte ich auch von Midwinter Graces, ihrem ersten „Seasonal Album“ keinen Totalausfall erwartet. Zu Recht. Tori nimmt sich hier der Lieder an, die sie als Kind in der Weihnachts– und Winterzeit zu Hause gehört hat. Da ihr Vater Methodistenpfarrer war, finden sich hier auch klassische christliche Lieder, aber auch diese werden von Tori auf ihre ganze eigene Art interpretiert. Und eben durchaus gelungen. Hier findet sich kein Kitsch und kein Zuckerguss, sondern Musik, die mich stark an ihre alten CDs erinnert und eine ganz eigene Note hat, auch wenn das Material natürlich schon teilweise ein ziemlich weihnachtliches Flair versprüht. Die CD wird von dem her wohl im Sommer eher selten den Weg in den Player finden, aber das war ja durchaus auch die Intention des Albums. Guter Kompromiss für Menschen, die in der Adventszeit was passendes hören wollen, aber bei Rudolf und Last Christmas Pickel bekommen.

13. Immortal – All Shall Fall

Dem neuen Album der inzwischen wiedervereinigten Norweger hatte ich mit ziemlich viel Spannung entgegen gesehen. Immortal gehören zu meinen Lieblingsbands, allein schon deswegen, weil sie den ganzen Black Metal Kindergarten als genau solchen behandeln, sich selber kaum, die Musik dafür aber sehr ernst nehmen und trotzdem mehr Kälte und Attitüde versprühen als viele andere Dunkelheimer. Statt Satanismus geht es immer noch um ihre Fantasiewelt Blashyrkh, dem Reich aus ewigem Frost und Dunkelheit. Um es gleich vorweg zu nehmen – das Album ist gut aber nicht so toll wie erhofft. Zwar passt das Songmaterial (das sich an mehr oder weniger allen Phasen des Schaffens inklusive Abbaths Projekt I anlehnt) und auch die Stimmung, aber irgendwie ist alles einen Hauch zu glatt, zu perfekt und zu sehr auf Nummer sicher. Ein paar Ecken und Kanten, wie man sie auf Sons Of Northern Darkness noch finden konnte, und das Album wäre richtig geil geworden. So ist es nur ziemlich gut und damit eine klitzekleine Enttäuschung.

12. My Dying Bride – For Lies I Sire

Wo wir gerade bei Enttäuschungen sind – hier hatte ich mir ja eindeutig die Platte des Jahres erhofft. My Dying Bride gehören nach wie vor zu meinen absoluten Favoriten. Der hervorragende Vorgänger A Line Of Deathless Kings und dazu die Meldung, dass man wieder eine Geige in die Band aufgenommen habe, schraubte die Erwartungen sehr in die Höhe. Aber leider leider hat die Band diese Chance nicht genutzt. Das liegt nicht mal an den Songs, die diesmal wieder melancholischer und weniger wütend sind, sondern vor allem an den Besetzungswechseln. Es kam nicht nur eine Geigerin hinzu (die inzwischen die Band schon wieder verlassen hat), auch die Rhythmusfraktion ist neu und hier liegt der Hund begraben. Drummer John Bennet war der beste, den die Band bislang hatte und Dan Mullins kann diese Fußstapfen nicht ausfüllen. Statt Groove gibt es extrem statisches und hölzernes Drumming, das einfach kein Fundament schafft, auf dem die Gitarren und der Gesang ihre Wirkung entfalten können. Das gleiche trifft auch auf Bassistin Lena Abe zu, deren Spiel furchtbar blass bleibt und somit ebenfalls das von Adrian Jackson nicht ansatzweise ersetzen kann.

Natürlich bleiben die Songs und vor allem die Stimme Aaron Stainthorpes hochklassig und somit kackt das Album nicht völlig ab. Aber für eine Top Ten Platzierung reicht das leider nicht aus.

11. Chickenfoot – Chickenfoot

Nun wird es aber Zeit für ein wenig Frohsinn und gute Laune. Den hat bei mir früher kaum eine Band so konsequent versprüht wie Van Halen. Aber das hat wohl intern nicht gereicht, denn man hat statt guter Musik mehr mit Streitereien, Affären und einem komplett abgestürzten Gitarristen von sich reden gemacht. Während die Restband weiter traurig vor sich hindümpelt, kümmert sich die andere Hälfte in Form von Sänger Sammy Hagar und Basser Michael Anthony wieder ums Wesentliche. Zusammen mit Gitarrengenie Joe Satriani und Chili-Peppers-Drummer Chad Smith hat man in erster Linie einfach verdammt viel Spaß am Zocken und der überträgt sich auch umgehend auf den Hörer. Große Songwritingkunst gibt es hier nicht, sondern einfach nur kompetent und locker gezockten Gute-Laune-Rock. Drinks mit Schirmchen in Musikform.

10. Griftegård – Solemn . Sacred . Severe

Krasser kann der Kontrast vom elften zum zehnten Platz nicht ausfallen. Da ich zu diesem Album bereits ein Review geschrieben habe, wiederhole ich das hier aber nicht nochmal alles, sondern bitte darum, es dort nachzulesen.

9. Kreator – Hordes Of Chaos

Kreator waren und bleiben die Speerspitze des deutschen Thrash Metal. Auch wenn manche Fans die Ausflüge in Richtung Industrial und Ambient, die man zwischenzeitlich versucht hat, nicht mitgegangen sind – ein schlechtes Album haben die Essener nie abgeliefert. In letzter Zeit ist man sogar wieder deutlich erstarkt und dieser Trend setzt sich mit Hordes Of Chaos weiter fort. Das Energielevel ist konstant hoch, das Songwriting trotzdem anspruchsvoll und auch bei der Gitarrenarbeit hat man sich nochmal ein Stück weiterentwickelt. Was das Album aber ganz besonders abhebt ist die Produktion. Hier ist man vom aktuellen Trend, alles so sauber und druckvoll wie möglich zu produzieren (was leider in immer mehr totkomprimierten und seelenlosen Alben resultiert), abgerückt und hat mit Produzent Moses Schneider einen völlig anderen Weg gewählt. Nämlich den, das Album wieder live zusammen als Band aufzunehmen. Das klingt aber trotzdem weder altbacken noch retro und da Kreator schon seit längerem auch die entsprechenden technischen Fähigkeiten haben, auch nicht dilettantisch, sondern genau so, wie ein Album eigentlich klingen sollte – lebendig und echt. Diese Scheibe sollte ein Vorbild für viele andere sein.

8. Propagandhi – Supporting Caste

Propagandhi ist eine Band, die ich vor 20 Jahren gehört und dann komplett aus den Augen verloren habe. Ich wusste gar nicht, dass es die überhaupt noch gibt (was aber wohl mit einer kurzen Unterbrechung durchgehend der Fall war). Und sie machen immer noch das, wofür ich sie schon damals geschätzt habe: Punkrock mit Ecken und Kanten und intelligenten Texten. Etwas räudiger als Bad Religion aber nicht weniger melodiös, ohne kommerzielle Anbiederung und ohne was von ihrer „jugendlichen Frische“ eingebüßt zu haben, auch wenn man 2009 natürlich schon reifer klingt als damals. Starke Scheibe!

7. Sólstafir – Köld

Der Exotenplatz geht dieses Jahr nach Island. Von dort kommen Sólstafir, die sich auch ansonsten nicht einfach mit typischen Kategorien greifen lassen. Begonnen hat die Band wohl im sphärischen Black Metal, im Laufe der Zeit hat sie diesen Sound aber mit immer mehr Elementen aus Postrock, Stoner Rock, Ambient und auch Punk angereichert und sich damit eine ganz eigene Ecke geschaffen. Ich kann gar nicht so richtig beschreiben, was da jetzt letztendlich bei rausgekommen ist, aber auf alle Fälle ist Köld ein Album mit sehr viel Atmosphäre und Spirit. Da stört dann auch die mumpfige Produktion nicht weiter, denn auch diese passt auf ihre Art zum Gesamtwerk. Muss man wohl hören, um es zu verstehen.

6. Tori Amos – Abnormally Attracted To Sin

In diesjährigen Liste doppelt vertreten, hier mit ihrem regulären Album. Ich habe keine Ahnung, woher Tori ihre Inspiration nimmt, aber sie hat unheimliche Mengen davon. In kürzester Zeit hat sie mehrere ausgesprochen lange und dabei aber auch anspruchsvolle Alben veröffentlicht und zumindest ich kann da keine Füller drauf ausmachen. Auch wenn es da anderen anders gehen mag, ich habe bei jedem Song den Eindruck, dass Tori damit etwas zu sagen hat und das sowohl textlich wie auch musikalisch mit hoher künstlerischer Klasse tut. Wer Liveaufnahmen kennt, der weiß, dass sie ihre Musik wirklich lebt. Ich bin einmal mehr beeindruckt und begeistert. Dass sie nicht weiter oben in der Liste kommt, liegt einfach nur an der Stärke der nächsten Platzierungen. Verdient hätte auch dieses Album schon Platz 1.

5. Behemoth – Evangelion

Wo wir gerade bei beeindruckt sind – das ist das richtige Stichwort wenn es um die Polen Behemoth geht. Stilistisch im Extrembereich zwischen Black Metal und technischem Death Metal angesiedelt, haben sie die beiden letzten schon sehr starken Alben noch einmal getoppt. Evangelion ist Brett, Wahnsinn und Wand – und das mit einer dermassenen Präzision und Wucht gespielt, dass man kaum glaubt, dass da wirklich Menschen dahinter stehen. Bis man die Band live gesehen hat und erkennen muss, dass die das wirklich ganz genau so spielen können. Und dabei ganz nebenbei noch eine souveräne Show abliefern, wie man es besser kaum machen kann. Ich bin jedenfalls das komplette Konzert über nicht aus dem Zwiespalt zwischen abgehen und mit offenem Mund dastehen rausgekommen. Im extremen Metalbereich gibt es aktuell aus meiner Sicht keine Band, die da heran reicht.

4. Riverside – Anno Domini High Definition

Wir bleiben in Polen, ändern aber die Stilrichtung. Riverside haben 3 sehr starke Progressive Metal / Rock Alben veröffentlicht, die allerdings alle in die gleiche Kerbe schlugen und die Band in eine stilistische Sackgasse zu befördern schienen (wobei sie auch thematisch verbunden waren und die Ausrichtung gewollt war). Aus dieser Sackgasse befreien sich Riverside mit ADHD eindrucksvoll. Die stilistische Bandbreite wird an mehreren Seiten ausgedehnt und die Songs stehen mehr für sich. Riverside gewinnen an Härte aber auch an Schärfe, es gibt zwar immer noch ausgedehnte Epen auf dem Album, aber statt Klangmalereien ist das alles griffiger und knackiger, ohne dabei an emotionaler Tiefe einzubüßen. Das Thema des Albums ist die moderne, schnelle Welt, die den Menschen immer mehr zu überfordern droht und das wird auch musikalisch aufgegriffen. Als letztes sei nur erwähnt, dass Riverside zu den wenigen Prog-Bands gehören, die nie aus Gründen der Selbstdarstellung rumfrickeln oder Skalen runterdonnern, sondern ihre instrumentalen Fähigkeiten immer songdienlich einsetzen.

3. Dave Matthews Band – Big Whisky And The Groo Grux King

Auch wenn der gebürtige Südafrikaner Dave Matthews hierzulande eher unbekannt ist, in den USA ist er schon seit vielen Jahren ein Star im klassischen Rock und füllt auf seinen Touren Arenen. Das aktuelle Album ist seinem verstorben Saxophonisten LeRoi Moore gewidmet ist, mit dem er 91 die Dave Matthews Band gegründet hat. Ob es damit zu tun hat, weiß ich nicht, auf alle Fälle stellt das Album im Vergleich zu den vorigen eine stilistische Kurskorrektur dar. Man bewegt sich in Richtung Funkrock, eine Stilrichtung, die ich eigentlich aus tiefstem Herzen verachte. Warum das hier bei mir trotzdem funktioniert, kann ich nicht sagen. Zwar sind die Einzelzutaten alle hochklassig – angefangen von den großartigen Texten, über das intelligente Songwriting, die musikalische Klasse der kompletten Band bis hin zur absolut überragenden Produktion – aber darüber hinaus hat dieses Album einfach ein gewisses Etwas, das mich direkt abspricht und das ich nicht näher greifen kann. Nach der extrem enttäuschenden aktuellen Scheibe von Springsteen DAS Rock-Album des Jahres, ohne wenn und aber.

Noch eine Anmerkung zur schon erwähnten Produktion. Ich bin ja an sich kein Soundfetischist, aber der Sound hier ist wirklich unfassbar gut. Hin und wieder lege ich die Scheibe schon deswegen auf, weil sie einfach so geil klingt. Allein die Schlagzeugproduktion steckt alles in die Tasche, was ich sonst in dem Bereich kenne. Weltklasse!

2. The Devil’s Blood – The Time Of No Time Evermore

Dem Phänomen The Devil’s Blood habe ich mich schon an anderer Stelle zu nähern versucht. Ich bitte darum, das dort nachzulesen.

1. New Model Army – Today Is A Good Day

Kommen wir nun zum Platz 1. Auch wenn die beiden vorigen Alben kein Deut schlechter sind, zu New Model Army habe ich letztlich eben doch ein ganz spezielles Verhältnis. Umso mehr freut es mich, wie sehr die Band nach eine Durchhängerphase wieder erstarkt ist. Die letzten Alben waren alle wieder toll und auch dieses macht da keine Ausnahme, hat aber durchaus eine andere Ausrichtung. Auf High und Carnival waren es vor allem die ruhigen und nachdenklichen Songs, die mich begeistern konnten. Hier hingegen sind es die schnellen, tanzbaren und teilweise auch recht aggressiven Nummern, die mich wirklich begeistern. Nach dem Konzert noch mehr als vorher, weil einem hierbei noch eindrücklicher klar wird, wie echt und authentisch Justin Sullivan und seine Band sind. Die Wut auf die Banker und Politiker im Titeltrack ist nicht gespielt und keine intellektuelle Ablehnung, sondern einfach die echte Wut eines einfachen Bürgers, der nicht länger Spielball der Mächtigen sein will. Genauso kann man bei jedem weiteren Song die Emotionen erleben und bekommt sie nicht einfach nur vorgespielt. So sollte Musik sein und so ist sie es hier glücklicherweise auch. Dafür gibt es dann auch die Bestplatzierung.

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