The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Die essentiellen CDs aus 2006

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Es ist die Zeit der Rückblicke, aber irgendwie macht das für mich immer weniger Sinn. Nachdem Silvester schon seit Jahren immer mehr an Bedeutung verliert, ist es nun für mich endgültig ein Abend wie jeder andere geworden. Große Rück- oder Ausblicke machen einfach keinen Sinn, weil ich das Leben irgendwie nicht mehr nach zeitlichen Intervallen beurteile. Die Jahresgrenzen erscheinen mir da irgendwie immer künstlicher.

Mit einer Ausnahme, und das sind die Veröffentlichungsdaten von CDs. Und somit gibt es hiermit meine Liste der essentiellen Scheiben des letzten Jahres in umgekehrter Reihenfolge:

Platz 15: Slayer – Christ Illusion

Christ Illusion ist die Bestätigung der These, dass Slayer nur mit Dave Lombardo an den Drums gute Songs schreiben können. Seit Lombardos Ausstieg Anfang der 90er gab es nur musikalisches Mittelmaß von einer der wichtigsten Bands des Genres. Slayer brauchten 15 Jahre, um einen würdigen Nachfolger für Seasons In The Abyss zu veröffentlichen. Keine Spielereien, keine punkigen oder sonstwelchen Einflüsse, sondern einfach nur fiese Riffs, böse Songs und die typischen provokanten Texte – genau so müssen Slayer klingen und genau so klingen sie auf Christ Illusion. Welcome back!

Platz 14: Gram Rabbit – Cultivation

Mit dem Alternativegenre hab ich so meine Probleme. Da tummelt sich einfach zu viel Belangloses und zu oft wird mangelndes Talent mit künstlerischem Anspruch verwechselt. Die Szene nimmt sich zu wichtig und zelebriert den Stillstand als gewollten Ausdruck. Eine der wenigen Scheiben, die da heraussticht, ist Cultivation der Amerikaner Gram Rabbit. Mit ihrer Frontblondine erinnern sie kurzfristig an No Doubt, geben sich aber musikalisch weit experimenteller und breiter gefächert. Von lockeren 70ies-Beats über Elektro bis hin zu punkigem Rock ist hier alles vertreten. Dazu gibt es schlaue Texte und viele Hasen.

Platz 13: Satyricon – Now, Diabolical

Aufgrund der wachsenden Anzahl von Vollidioten mit rechtem, pseudoheidnischem oder einfach auch nur generell völlig verblödetem Okkultismusausschlag ist inzwischen so hoch geworden, dass man kaum noch eine Band hören kann, ohne erst mal ihr Umfeld zu recherchieren. Andererseits haben einige der älteren Bands inzwischen erkannt, dass Erfolg und Entertainment irgendwie doch mehr Sinn machen als Menschenhass und Underground. Daran hab ich dann wieder Spaß. Der stärkste Output aus der Ecke war für mich Now, Diabolical der Norweger Satyricon. Hier treffen schneidende Riffs auf eiskalte Epik, die einen mehr als einmal an die Welten von H.P. Lovecraft erinnert. Eine der wenigen Bands, die von der Fiesheit an die bereits genannten Slayer rankommt. Feines Scheibchen.

Platz 12: Strapping Young Lad – The New Black

Anfangs war ich wenig enttäuscht von der Platte. SYL waren immer ein Garant für absoluten Wahnsinn, es gibt kaum eine extremere Band im Metalzirkus. Aber inzwischen geht es Mastermind Devin Townsend psychisch anscheinend immer besser und so wachsen seine Soloscheiben und SYL immer weiter zusammen. Das macht die Outputs harmonischer, aber auch irgendwie weniger spannend, weil weniger wahnsinnig. Das setzt sich auch auf The New Black fort, die zwar einige Knaller enthält, aber im Vergleich zu den Vorgängern irgendwie ein wenig harmlos daherkommt. Aber wenn man sich daran gewöhnt hat, dann bleibt immer noch ein facettenreiches Album mit einzelnen extremen Ausbrüchen und dem SYL-typischen Witz, das sich angenehm vom Einheitsbrei abhebt und mit der Neueinspielung des Bandklassikers Far Beyond Metal auch einen meiner Songs des Jahres enthält.

Platz 11: Bruce Springsteen – We Shall Overcome: The Seeger Sessions

Ich kann es nicht leugnen, ich war immer Springsteen-Fan und werde es auch immer sein. Trotz einiger schwächerer Alben nach dem Bruch mit der E-Street-Band 1991 ist Springsteen nie abgedreht und hat nie versucht, seiner Karriere durch nervige Selbstdarstellung in den Medien oder sonstige blöde Anbiederungen an den Zeitgeist einen künstlichen Schub zu verleihen, wie viele andere seiner Kollegen. Springsteen hat immer das gemacht, was er für richtig hielt. Und das war dann sehr oft nicht der Stadionrock, mit dem die meisten ihn verbinden. So auch auf We Shall Overcome, einer Sammlung von Folksongs und Traditionals, die er in seinem Haus mit einer Reihe von Folkmusikern aufgenommen hat. Eine angenehm ehrliche Auseinandersetzung mit einfacher Musik, die allen Beteiligten viel bedeutet und beim Hören einfach verdammt viel Spaß macht.

Platz 10: Killing Joke – Hosannas From The Basement Of Hell

Neben Ministry gehören Killing Joke für mich zu den wichtigsten Bands des Industrial. Monotones und treibendes Riffing, darüber die einzigartige Stimme von Jaz Coleman. Das ergibt eine Mischung, die schwer zu beschreiben ist. Außer hypnotisch fehlen mir da einfach die Worte. Die letzte Scheibe war ein Hochglanzalbum, die aktuelle wurde unter ziemlich spartanischen Bedingungen im Homestudio von Coleman aufgenommen. Er meinte dazu, dass man Musik sein lassen sollte, wenn man nicht in der Lage ist, sie in einem Keller rüberzubringen. Killing Joke sind dazu in der Lage.

Platz 9: Samael – Era One

Seit die Schweizer mit ihrem Referenzwerk Passage neue Wege beschritten und Drummer Xy die Sticks gegen Synthesizer und Computer eintauschte, gehen Samael einen sehr sehr eigenen Weg zwischen Metal und Elektrosound. Era One weicht noch einen Schritt weiter von der Norm ab. Eigentlich nur als Vertragserfüllung für das alte Label der Band gedacht, finden sich hier Songs, die zwar als Metalsongs konzipiert wurden, aber lediglich mit Keyboards und Synthies instrumentiert wurden. Das interessante daran ist, dass das eigentlich gar keine Rolle spielt, denn die Songs versprühen vom ersten Moment an genau das Feeling, für das ich die Band seit Jahren verehre. Unkonventionell und sehr gut.

Platz 8: The Gathering – Home

Eine weitere Band, die sich im Laufe ihrer Bandgeschichte immer weiter von der Metalszene entfernt und sich selber emanzipiert haben. Beeinflusst von Ambientsounds und getragen von der wunderbaren Stimme Anneke von Giersbergens finden sich hier sehr emotionale Songs mit einer unaufdringlichen Tiefe und Stimmung, die wohl nur abseits des Mainstreams möglich ist und einen Hörer erfordert, der noch zuhören kann. Der wird dann aber auch mit einer großartigen Scheibe belohnt.

Platz 7: Amorphis – Eclipse

Das Comeback des Jahres kommt für mich diesmal aus Finnland. Mit dem alten Sänger Pasi Koskinen hatte sich die Band nicht nur in die musikalische Belanglosigkeit gespielt, auch live konnten sie immer weniger überzeugen. Ich hatte sie schon völlig abgeschrieben, da kommt auf einmal mit Eclipse der Befreiungsschlag. Nicht nur, dass man mit Tomi Joutsen wieder einen Mann am Mikro hat, der auch live seine Stimme beherrscht und Charisma nicht nur aus dem Wörterbuch kennt, man schreibt auch wieder Songs mit den alten Stärken – der Verknüpfung von Metal mit dezenten Folkelementen und simplen, aber höchst effektiven Melodien, die sofort zünden, aber trotzdem Langzeitwirkung haben.

Platz 6: Melechesh – Emissaries

Melechesh bezeichnen ihre Musik selber als Mesopotamian Metal. Normalerweise halte ich es für sehr gewagt, eine eigenen Stilrichtung für sich in Anspruch zu nehmen, aber hier ist es absolut gerechtfertigt. Andere Bands binden fremde Elemente in ihren Sound ein, die gebürtigen Israelis hingegen verweben Black Metal und orientalische Rhythmen und Melodien so dicht, dass daraus in der Tat etwas völlig Eigenes entsteht. Man weiß nicht, ob man dazu Headbangen oder Bauchtanzen soll, vielleicht wäre eine Mischung aus beidem angebracht. Bis die Jungs mal in Deutschland auftauchen, bleibt wohl eh noch genug Zeit zum Üben.

Platz 5: Tool – 10,000 Days

Manchen ist 10,000 Days (oder Tool generell) zu verkopft, zu verspult, zu verkünstelt. Unkonventioneller Progressive Rock, anspruchsvoll, schwierig, abgerdreht. Aber spätestens wenn Gitarrist Adam Jones bei Jambi seine typischen Triolen spielt, ist es um mich geschehen. Das ist genau die Art von Musik, die bei mir direkt vom Ohr in die Seele geht und mich einfach völlig fesselt. Nicht intellektuell, sondern einfach emotional. Ich kann es schwer beschreiben, Worte greifen bei Tool eh nur schwer. Erwähnen sollte man aber auf alle Fälle noch das liebevoll gestaltete Booklet, das aus lauter 3D-Bildern besteht, die man nach dem Aufklappen durch die integrierten Linsen betrachten kann.

Platz 4: I – Between Two Worlds

Im Jahre 2003 löste sich mit Immortal eine der wichtigsten und coolsten Black Metal Bands überhaupt auf. Sänger Abbath kümmerte sich von nun an um seine Motörhead-Coverband – und um I, die eigentlich nur als kleines Projekt geplant waren. Zusammen mit (Ex-)Mitgliedern von Enslaved und Gorgoroth schraubten sie ein Album zusammen, dass eine sehr räudige Mischung aus Immortal, Motörhead und einem gehörigen Schuß Bathory wurde. Meist eher einfach und rockig gehalten und dabei sehr unverkrampft fand ich das Album von Anfang an ziemlich sympathisch. Mit jedem Durchlauf ist mir das Ding mehr ans Herz gewachsen und inzwischen möchte ich das Teil nicht mehr missen.

Platz 3: Ministry: Rio Grande Blood

In den 90ern war Al Jourgensen ein Junky kurz vor dem Rande des Abgrunds, der im Drogenrausch psychodelisch-fies-geniale Alben schrieb. Im neuen Jahrtausend ist er clean und sieht seine Band nun als Waffe gegen seine neue Nemesis George Bush. Da ist nichts mehr psychodelisch, Al veröffentlicht einen rasenden Hassbatzen nach dem anderen. Der letzte ist Rio Grande Blood und mit diesem hat er die ideale Besetzung für seinen Feldzug gefunden. Mit Paul Barker waren seine Scheiben strange, mit Tommy Victor, Paul Raven und Joey Jordison sind sie pfeilschnelle Projektile. Man kann es drehen und wenden wie man will, Ministry sind zurück an der Spitze des Industrial und heftiger denn je.

Platz 2: NoMeansNo – All Roads Lead To Ausfahrt

NoMeansNo sind eine alte Liebe von mir, die mich nicht enttäuscht hat. Das 2006er Album mit dem kultigen Namen All Roads Lead To Ausfahrt hat allerdings die eh schon hohen Erwartungen noch übertroffen und musste sich nur ganz knapp der Nummer 1 geschlagen geben. Da die kanadischen Punks inzwischen alle über 50 sind, wäre es wohl irgendwie albern zu sagen, dass sie erwachsen geworden sind, aber irgendwie hört es sich für mich so an. All Roads ist nicht mehr so ungestüm wie früher, aber keineswegs lahm oder angestaubt. Die Texte sind noch genauso zynisch, die Musik noch genauso abgedreht und jazzig und das ganze rockt noch genau wie früher. Nur halt ein wenig reifer. Besser war Punk nie.

Platz 1: My Dying Bride – A Line Of Deathless Kings

Hier ist er also, der Gewinner. My Dying Bride sind ebenfalls eine Band, die ich seit Jahren verehre. Seit The Angel And The Dark River 1995 haben die britischen Doom-Metaller kein schwaches Album rausgebracht. Aber mit A Line Of Deathless Kings haben sie mal wieder ein Meisterwerk geschaffen. Die Keyboards wurden zurückgefahren, die Stimmung kommt diesmal aus tiefschwarzen Riffwänden die von absolut phantastischem Drumming durch die Boxen getrieben werden und einen unfassbar dichten Rahmen für den Gesang Aaron Stainthorpes bilden, der auf dieser Scheibe so eindringlich klingt wie selten zuvor. Kaum Schwachstellen, eine Großtat folgt der anderen. Schlicht das Album des Jahres. Rotwein aufmachen, Kerze anzünden, abtauchen.

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