The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Mein musikalisches Ich – Teil 2: The Dawn Of Rock

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Den Beginn dieser Phase kann ich relativ genau datieren. Es ist 1986 und die Schweden Europe veröffentlichen The Final Countdown. Plötzlich ist alles anders. So wollen Gitarren gespielt werden, da bin ich mir sehr sicher. OK, der Gesang ist ein wenig cheesy, aber das weiß ich damals noch nicht. Da ist das einfach nur die Offenbarung und sonst gar nichts. Ich erstehe von meinem Taschengeld das Album – auf Tape. Meinen Kinderplattenspieler hab ich nicht mehr und einen richtigen kann ich mir noch nicht leisten. Aber ich hab einen einigermaßen guten Ghettoblaster. Als nächstes mops ich meinem Vater dann die Kopfhörer, denn diese Musik will laut gehört werden und das ist nicht direkt kompatibel mit meinen Eltern. Später verliere ich den Kontakt zu der Band wieder, aber The Final Countdown und auch den Nachfolger Out Of This World hab ich damals bis zum Abwinken gehört.

Ich beginne, Pop- und Rockmusik bewusster zu hören. An die Stelle irgendwelcher Dancekacke treten vereinzelte Songs von Queen, Deep Purple, AC/DC und Midnight Oil, wobei ich aber gestehen muss, dass mich nur die letzteren mit ihrem von mir nach wie vor geliebten Album Diesel And Dust wirklich in ihren Bann ziehen. Spartanische, aber extrem effektive Instrumentierung, politische Texte, prägnanter Gesang. Das gefällt. Vor allem die Instrumentierung. Ich finde es nach wie vor faszinierend, mit wie einfachen Mitteln man eine dermaßen eindrucksvolle Wirkung erzielen kann. Bass und Schlagzeug, beides staubtrocken produziert, spielen einen aufs absolut notwendigste reduzierten Beat. Dazu eine dezente Akustikgitarre und sonst nur Gesang. Auf sowas steh ich immer noch.

Der nächste Schritt ist dann ein wenig ungewöhnlich und hat mit unserem damaligen Geschichtslehrer zu tun. Der ist nicht nur extrem intelligent, gebildet und überqualifiziert, sondern auch jung, schräg und musikbegeistert – und nebenbei Donaldist und ein unterirdischer Pädagoge, der mit uns Rotzlausern hoffnungslos überfordert ist. Ein wenig Respekt versucht er sich über das Verleihen von Comics zu verschaffen (relativ vergeblich). Oder über Musik. Er würde niemals seine heiligen Platten verleihen, aber er überspielt bereitwillig Tapes. Da ich ja einer der „ganz harten“ bin, bekomme ich von ihm Motörheads No Sleep Til Hammersmith (die er nach eigenem Bekunden dazu benutzt, seinen Kopf wieder frei zu spülen). Den Namen hab ich noch nie gehört. Also heim und voller Spannung das Tape eingelegt. 45 Minuten später sitze ich mit offenem Mund und zentriertem Schädel völlig baff vor dem Player. Irgendwie eine Erfahrung, die der ersten Selbstbefriedigung ähnelt. Du weißt nicht genau, was da gerade passiert ist, aber es war irgendwie ziemlich gut. Und du machst es gleich nochmal. Ich spule zurück und höre mir Overkill noch ein paar Mal an (inklusive des Schreis vor We Are The Roadcrew, der direkt danach kommt – dann hör ich mir den Schrei noch ein paar Mal alleine an). Es ist passiert. Die Bombe, die jetzt eingeschlagen hat, lässt The Final Countdown wie einen leichten Lufthauch erscheinen. Meine Freunde sind teilweise geschockt, was für infernalischen Lärm ich nun höre, aber für mich wird die Scheibe erst mal die Bibel.

Aber auch anderes beginnt mich nun zu faszinieren. Mein bester Freund versucht mir einige Rock- und Singer/Songwritersachen nahe zu bringen. Überwiegend bleibt das relativ erfolglos, denn ich muss ja Motörhead hören. Aber einer schlägt dann doch zu mir durch – Bruce Springsteen trifft irgendeine innere Saite von mir. Erst zaghaft, aber dann immer intensiver. Vor allem, als ich etwas später in der Lage bin, seine Texte zu verstehen. Hier ist jemand, der nicht nur wirklich rockt (und das tut er mindestens bis zu Born In The USA), sondern vor allem sehr viel zu Papier bringt, was ich sehr sehr gut nachvollziehen kann. Erwachsenwerden hat verdammt viel mit Texten von Springsteen zu tun. Wenn er auf Liveaufnahmen zwischen den Songs Geschichten über seine Jugend und den Konflikten mit seinem Vater erzählt, dann bekomme ich heute noch eine Gänsehaut. Springsteen wird für mich immer was Besonderes bleiben.

In diesem Kontext bekomme ich auch Neil Young mit. Der packt mich zwar thematisch nicht so, aber seine extrafertige, ultraverzerrte Gitarre fasziniert mich sofort. Unfassbar dreckig und roh. Ich weiß zwar noch nicht so richtig, was Punk ist, aber so sollte er auf alle Fälle klingen.

Der letzte Fixpunkt dieser Phase ist dann Gary Moore, der mich nicht nur mit seinem Gitarrenspiel begeistert, sondern dessen After The War Tour auch mein erstes Konzerterlebnis wird. Ich weiß noch, wie ich mit meinem Kumpel völlig überdreht in der Münchner Olympiahalle sitze und wir uns bei der Hintergrundmusik vor den Bands noch denken, dass die Musik ruhig ein wenig lauter sein könnte. Das Pfeifen nach dem Konzert hat dann ein paar Tage angehalten.

Gary Moore mit seinem virtuosen Gitarrenspiel hatte wohl insgesamt einen sehr gravierenden Auslöser. Ich fand es unglaublich, was der live mit seinem Instrument angestellt hat (und damit auch so ganz nebenbei die ganzen Klavier- und Violinvirtuosen in meinem Kopf von ihrem eh schon ziemlich kleinen Sockel gestoßen). Ich war mir dessen damals nicht bewusst, aber später ist mir klar geworden, dass mit After The War die Geige endgültig Geschichte war und ich Rockmusiker werden wollte.

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