The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Mein musikalisches Ich – Teil 3: Independence Days

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Gleich vorweg – diese Phase überschneidet sich mit der vorigen und mit der nächsten, aber wir sind hier ja nicht im Historikerseminar also ist mir das einfach mal egal.
Um diese Phase zu verstehen, muss ich ein wenig über mein Umfeld erzählen. Wäre ich im Ruhrpott aufgewachsen, hätte der erwähnte Einschlag von No Sleep Til Hammersmith wohl dazu geführt, dass ich mich einer schnuckligen Metaller-Gruppe anschließe. Ich würde heute mit Kutte rumlaufen, Judas Priest für das Großartigste seit Erfindung der Lederhose und HipHop für den schlimmsten Feind der Menschheit halten.

Ist aber nicht so (OK, vielleicht der letzte Teil). Ich bin nicht im Ruhrpott aufgewachsen, sondern im bayerischen Oberland. Und als wenn das nicht schon beschaulich genug gewesen wäre – ich war auf dem Gymnasium Tegernsee. Nicht unbedingt eine Eliteschule, aber die meisten Eltern (gutbetucht und eingebildet) haben es für genau das gehalten, was das ganze eigentlich noch viel schlimmer macht. Und der Nachwuchs war entsprechend. Ich möchte meinen damaligen Mitschülern nicht Unrecht tun, aber die Mehrzahl war schon in ihrer Jungend schon angepasster als andere Leute Mitte 30. Natürlich hat das einen Zusammenschluss der Verweigerer und Außenseiter zur Folge gehabt, dem auch ich mich bereitwillig angeschlossen habe. Aber diese Gruppe der „Anderen“ war schlichtweg nicht groß genug für verschiedene Fraktionen. Hier hat sich einfach alles gesammelt, was dagegen war, egal ob Metaller, Punk, oder Rastafari, egal ob Öko, Kommunist oder Anarchist. Alles bunt gemischt und loyal im Anderssein. Also wurde ich nicht mit einer Musikrichtung oder Subkultur konfrontiert, sondern mit vielen verschiedenen. Am Anfang vor allem Punk, Hardcore und Independent (und das war damals noch nicht die verweichlichte Heulsusenmusik der Playmobilfrisuren und Cordhosenstudenten).Was den Punk angeht, da waren vor allem 3 Bands in meinem Fokus. Dead Kennedys, NoMeansNo und All. Alle drei machen (trotz aller Punkattitude und Ruppigkeit) keinen dilettantischen Schrammelpunk, sondern können durchaus mit ihren Instrumenten umgehen. Alle mischen ziemlich schräge Parts in ihre Songs, teilweise bis an die Grenze des Erträglichen, aber genau das kickt mich ziemlich. Alle haben sehr gute Texte, die weit über das ansonsten übliche No-Future- und Alles-ist-scheiße-Gefasel der Szene hinausgehen. All machen dabei vor allem persönliche Texte mit sehr treffsicheren Metaphern. Gerade die Texte über Beziehungskrisen sind genau die richtigen Beschreibungen der eigenen Teenager-Emotionen, die bei mir natürlich genauso auflodern wie beim Rest. Bei NoMeansNo sind es meist ziemlich eigenwillige und seltsame Texte, die noch eigener Aussage oftmals selbst die Bandkollegen nicht völlig verstehen. Aber auch hier finden sich Assoziationen, Bilder und Ausdrücke, die ich schlichtweg nur geil finde. Intellektualität als Protest. Schließlich Dead Kennedys, die mit Jello Biafra einen der besten Texter in Sachen Politik und Sozialkritik als Frontmann haben. Die Lyrics auf Frankenchrist haben auch 20 Jahre später noch nichts an Aktualität und Richtigkeit verloren, das fällt mir jedes Mal wieder auf, wenn ich die Platte auflege.
Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Ablehnung jedes Starrummels. Obwohl sie Szene-Helden sind, geben sie kaum Interviews, veröffentlichen keine Photos und drucken meist nicht mal die Namen der Musiker in den Booklets ab. Und auch das bewundere ich, weil es sich so von der oberflächlichen Präsentation abhebt, die sowohl in der Musikwelt wie eben auch an meiner Schule eine wesentliche Rolle spielen.
Ton Steine Scherben machen zwar keinen richtigen Punk, aber mit ihren naiven 68-Idealen und ihrer Kommunenromantik faszinieren sie mich trotzdem. Es ist meine politische Sturm- und Drang-Zeit und alles, was irgendwie einen anarchistischen Einschlag hat, bekommt schon mal einen Startbonus. Zwar ist es (vor allem aus meiner persönlichen Situation heraus) völlig albern, „Wir brauchen keine Hausbesitzer, denn die Häuser gehören uns! Wir brauchen keine Fabrikbesitzer, die Fabriken gehören uns!“ zu gröhlen, aber es fühlt sich trotzdem gut an.

Ein sehr zentrale Band werden New Model Army. Thunder And Consolation und The Ghost Of Cain höre ich rauf und runter. Damals waren sie das Beste, was man an Alternative Rock bekommen konnte und bis heute habe ich nicht viel gehört, das der Band das Wasser reichen könnte. Wenn Musik so was wie ein guter Freund sein kann, dann kommen New Model Army da wohl am ehesten für mich heran. Sowohl musikalisch wie auch textlich nach wie vor einer der wichtigsten Einflüsse. Auch wenn die Band in den späten 90ern einen ziemlichen Durchhänger hatte – ich verehre Justin Sullivan und New Model Army bis heute aus tiefstem Herzen.
Weitere erwähnenswerte Bands sind Fields Of The Nephilim, die mir den Zugang zu Gothic und düsterer Musik im allgemeinen eröffnet haben und The Cult, zu deren Scheiben wir mehr als einmal luftgitarrenposend durchs Zimmer gehüpft sind. Apropos, wo wir gerade dabei sind. Wir haben das wirklich etliche Nachmittage lang gemacht. Und so lächerlich es klingen mag, daraus hat sich dann tatsächlich meine erste Band entwickelt, als und die Sache zu albern wurde und wir das mit richtigen Instrumenten machen wollten.
Passend zu dieser Phase war auch genau diese Band Fake sehr punk- und indierock-orientiert. Natürlich hatte das nur Schülerbandniveau, aber wenn ich die alten Aufnahmen höre, dann denke ich mir doch, dass das gar nicht mal so übel war.
Ein ganz wichtiger Einfluss für Fake und vor allem für mich war zu der Zeit eine Band, die ebenfalls noch am Anfang stand und gerade mal zu den etwas bekannteren Lokalmatadoren zählte: die Bananafishbones kamen aus dem Nachbarlandkreis, hatten lediglich ein Demotape, das sie auf Konzerten verkauften und waren verdammte Idole für mich. Damals spielten sie auch noch nicht den reichlich belanglosen Easy Listening Rock, mit dem sie später in der Republik bekannt wurden, sondern eine relativ depressive Mischung aus Indie-Rock und Gothic. Die trifft zu der Zeit so ziemlich genau meinen Nerv. Ich bin auf jedem Konzert und kenne jeden Ton auswendig. Ab einem gewissen Punkt muss ich mich dann zusammenreißen, mit Gesang und Bass nicht einfach nur eine Kopie abzuliefern, aber auch das war letztlich eine lehrreiche Erfahrung.

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