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Musikalischer Rückblick 2008

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Der Sylvesterkater hat sich wieder hinter die Mülltonnen im Hof verzogen, es ist also Zeit für den musikalischen Rückblick auf das letzte Jahr.
Als erstes ist mir aufgefallen, dass ich so wenig aktuelle CDs gekauft habe wie schon lange nicht mehr. Nicht, dass es an Veröffentlichungen gemangelt hätte, ganz im Gegenteil. Aber irgendwie interessieren mich immer weniger Sachen. Bei den meisten Scheiben denke ich mir inzwischen „gut gemacht, aber irgendwie brauch ich das nicht wirklich“. Entweder es lässt mich komplett kalt oder ich hab schon genug vergleichbares im Regal. Von dem her waren die meisten meiner Anschaffungen auch eher in den Randbereichen und nicht im Mainstream angesiedelt. Dort gibt es tendenziell einfach mehr Spannendes zu vermelden. Allerdings war vieles davon nicht aus dem aktuellen, sondern aus den zurückliegenden Jahren, weswegen es hier keine Erwähnung findet.
Aber gehen wir die Liste einfach mal durch:

10. Heaven Shall Burn – Iconoclast

Offiziell fallen die Thüringer immer noch unter Metalcore, wobei diese Schublade immer weniger passt. Rein instrumental war das schon immer ziemlich lupenreiner (wenn auch moderner) Death Metal und daran ändert auch das Gebrüll von Marcus Bischoff nicht viel. Im Vergleich zum Vorgänger ist die Scheibe etwas variabler und geht nicht konstant auf die 12, was der Sache ziemlich gut tut. Trotzdem ist das Energielevel irre hoch. Einziges Manko (das auch eine höhere Platzierung verhindert) ist die völlig übertriebene Produktion. Moderne Musik muss knallen, keine Frage. Wenn aber Kompressoren und Lautstärke so hoch gefahren, dass man bei Zimmerlautstärke schon ein Pfeiffen im Ohr zu hören meint, dann ist es einfach zu viel des Guten. Kann ich mir deswegen leider kaum anhören.
Trotzdem, HSB gehören momentan einfach klar zum Besten, was die deutsche Szene so zu bieten hat.

9. Qntal – VI: Translucida

Die Band um Komponist Michael Popp und Sängerin Sigrid Hausen macht mit dem aktuellen Output nahtlos dort weiter, wo sie mit Silver Swan aufgehört hat. Die Mittelaltereinflüsse werden noch subtiler ins Elektrogewand verwoben, modernes und altes noch stimmiger kombiniert. Inzwischen ist es eigentlich schon fast eine ganz eigene Stilrichtung, die Qntal kreieren. Und zwar ziemlich makellos, wie man zugeben muss. Einzig die sehr ruhige und sphärische Ausrichtung kostet bei mir persönlich ein paar Punkte. Zumindest hin und wieder hätte ich schon ganz gern einen Track mit dem Energielevel alter Großtaten wie Ad Mortem Festivamus oder Ecce Gratum.

8. Meshuggah – obZen

Auch Meshuggah gehören zu den Bands, die in ihrem ganz eigenen Kosmos spielen. Es gibt mehrere Bands, die sogenannten Mathcore oder Mathmetal spielen, aber die Schweden sind nach wie vor eine Klasse für sich. Nach der extrem experimentellen Catch Thirtythr33 gibt es hier wieder einzelne Songs, die teilweise sogar schon auf Anhieb schlüssig klingen. Bis man genauer hinhört und doch wieder alle möglichen Details findet, die den normalen Musikverstand zum Bersten bringen. Keine Musik für jeden Tag, aber nach wie vor ein völlig beeindruckender Trip.

7. Cradle Of Filth – Godspeed On The Devil’s Thunder

Von vielen wird die Band als untrue Gothickapelle für kleine geschminkte Mädchen abgetan. Damit kann man aus meiner Sicht kaum falscher liegen. Allein die Texte von Sänger Dani Filth waren schon immer böser und unangenehmer als die ganze peinliche norwegische Waldschratbrigade zusammen. Und auch musikalisch hat die Band sich nie wirklich in den Mainstream verabschiedet, auch wenn Keyboards und Samplings als feste Bestandteile in den Sound aufgenommen wurden und das Schlagzeug nicht mehr konstant Blastbeats klopft.
Godspeed ist ein Konzeptalbum über Gilles de Rais, einen französischen Serienmörder aus dem 15. Jahrhundert. Das bieten nicht nur genügend Raum für Danis Lyrics sondern gibt dem Album auch musikalisch ein ziemlich breites Spektrum. Von wilder Raserei über eingängige Midtemponummern bis zu epischen Parts findet sich alles, abgerundet durch kurze hörspielartige Einschübe, die die Handlung verbinden. Ambitionierter Ansatz, gelungene Umsetzung.

6. Nick Cave & The Bad Seeds – Dig, Lazarus, Dig!!!

Wo wir gerade bei morbide sind, das geht natürlich auch mit Humor. Einer der Meister des morbiden Humors ist traditionell Nick Cave, was er hier einmal mehr beweist. Allein der Titeltrack über Lazarus, der gar nicht gefragt wurde, ob er sein Leben zurück haben wollte und nun allerlei bizarres erleben muss, bevor er endlich wieder in sein Grab darf, ist schon mal ganz große Kunst.
Musikalisch gibt es hier wieder warmen, schrängen und einfach unheimlich coolen Rock mit einem gewissen Bartouch. Unvergleichlich, unverzichtbar.

5. Testament – The Formation Of Damnation

Momentan erleben ein paar der alten Thrashheroen aus den 80ern einen zweiten Frühling. Neben Exodus gehören Testament hier zur Speerspitze und bringen den von vielen lang erwarteten Nachfolger ihres 99 erschienenen Dampfhammers The Gathering unters Volk. So ganz kann er die Hoffnungen nicht erfüllen, dafür sind die Songs leider etwas zu zahm und zu brav geworden. Aber trotzdem ist The Formation Of Damnation ein mehr als ordentliches Thrashalbum geworden, das mir immer noch mehr gibt als alles, was der (inzwischen wieder ziemlich zahlreiche) Nachwuchs so veröffentlicht. Und für den Titeltrack gibt es von mir glatte 10 Punkte.

4. Satyricon – The Age Of Nero

Ich muss meine obige Aussage zu Norwegen vielleicht ein bisschen relativieren. Es gibt auch hier überzeugendes und finster klingendes. Eine dieser Bands ist Satyricon, die auch über Norwegen hinaus zu den wenigen gehören, die von der fiesen Ausstrahlung ihrer Musik her an die alten Slayer-Scheiben heranreichen. Kalter, zynischer Sound mit grellen Gitarren und einem Bass 4 Etagen drunter. Dazu Satyrs keifender Gesang und es wird finstre Nacht. Eben The Age Of Nero, was in diesem Fall nicht den römischen Kaiser, sondern das italienische Wort für schwarz meint.

3. Warrel Dane – Praises To The War Machine

Ich bin ja erklärter Nevermore-Fan und somit war mein Interesse an den beiden Soloalben der Musiker dort natürlich sehr groß. Während ich mit der Scheibe von Gitarrist Jeff Loomis leider gar nichts anfangen kann (obwohl er nach wie vor für mich einer der besten Gitarristen überhaupt ist), kann ich mit der Scheibe von Sänger Warrel Dane schon weit mehr anfangen. Das Songwriting ist zwar eher einfach gehalten und mehr Hintergrundbemalung für den Gesang (bezeichnenderweise sind die beiden stärksten Nummern auf dem Album Coverversionen), aber der hat es dafür in sich. Warrel Dane kann hier tiefer singen als bei seiner Hauptband und auch ansonsten ein paar stimmliche Facetten zeigen, die bei Nevermore einfach nicht passen. Dazu gibt es sehr persönliche Texte und ein paar feine Soli von Jeff Loomis und Peter Wichers (Soilwork) und fertig ist ein Album, das keine intellektuelle Herausforderung ist, aber emotional einiges rüberbringt.
Und die schon angesprochenen Coverversionen (Lucretia My Reflection von den Sisters of Mercy und Patterns von Paul Simon) sind wirklich irre geil geworden.

2. Gojira – The Way Of All Flesh

Eine der aktuell spannendsten Bands kommt aus Frankreich. Schon der Vorgänger From Mars To Sirius, mit dem ich die Band entdeckt habe, war eine Großtat von einer Platte. Das ist auch der aktuelle Output, auch wenn er sich etwas anders präsentiert. Weniger roter Faden, mehr eigenständige Songs, mehr Variation. Wenn einen das nicht stört (was bei mir der Fall ist), dann bekommt man hier eine Scheibe aus dem extremen Metalbereich, die einiges zu bieten hat. Technische Brillianz, emotionale Tiefe, intelligente Texte, schlüssige und eingenwillige Arrangements. Nichts zum Nebenbeihören, das Album fordert Aufmerksamkeit von seinem Hörer. Aber die lohnt sich. Muss ich der Nummer 1 nur ganz knapp geschlagen geben (und wechselt auch alle paar Tage mal mit ihr die Position).

1. Keep Of Kalessin – Kolossus

Man mag es nicht mehr so recht unter Black Metal laufen lassen, was Keep Of Kalessin inzwischen so machen, aber irgendwie gehört es für mich doch immer noch da hin. Allein schon das beinahe konstant rasend schnelle Drumming verweist schon sehr deutlich in die Ecke. Darüber gibt es aber nicht nur Geballer, sondern teilweise richtige musikalische Epen, bei denen quasi im übertragenen Sinn die Sonne aufgeht. Groß, breit, mächtig, erhaben. Und (genau wie Gojira) ein weiterer Beweis, dass es immer noch intelligente und vor allem innovative Musik gibt, die nicht nur ständig wiederkäut was andere vorgemacht haben.

Bonus-CD: The Pogues – Just Look Them Straight In The Eye And Say … POGUE MAHONE!

Hierbei handelt es sich um keine aktuelle CD, sondern um eine 5-CD-Box mit Raritäten, B-Seiten und Liveaufnahmen meiner Lieblingsfolkpunker aus Irland. Versoffen, schräg und vor allem irre echt. Trotz Punkattitude waren die Pogues auch trotzdem ziemlich gute Musiker, tief in der traditionellen Musik ihres Landes verwurzelt. Wunderbar aufgemachte Box mit größtenteils unheimlich geilen Aufnahmen, massenhaft Photos und Linernotes. Pflichtkauf für Folk-Fans. Keine Widerrede!

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