The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Blinde Heldenverehrung

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„Also ehrlich mal, er ist zwar kein Doktor mehr, aber ist doch egal!
Ich würde mich trotzdem von ihm behandeln lassen!!
Bester Doktor der Welt 4ever.“

Zugegeben einer der bizarreren Kommentare zum Rücktritt von Guttenberg. Aber in der Masse der Gefolgsleute eben doch kein Einzelfall. Supportgruppen bei Facebook explodieren und es wird weiter unverdrossen an der Dolchstoßlegende gebastelt, dass hier ein aufrichtiger Charakterkopf von linken Verschwörern aus dem Amt gemobbt wurde.

Ich muss gar ehrlich sagen, ich bin ziemlich beunruhigt ob dieser Entwicklung. Nicht nur auf Facebook explodieren die Gruppen der Unterstützer, auch in meinem persönlichen Umfeld treffe ich zu dem Thema auf Meinungen, bei denen ich wirklich nicht mehr weiter weiß.

Es passiert ab und an, dass ein Politiker – und auch ein Minister – in eine Affäre verwickelt wird. Nicht immer, aber zumindest meistens muss er dafür die Verantwortung übernehmen und sein Amt abgeben. Das ist ein normaler und notwendiger Selbstreinigungsprozess der Demokratie und damit auch kein Zeichen ihrer Schwäche, sondern im Gegenteil ihrer Stärke. Notwendig dafür sind mündige Bürger, die Politiker kritisch und vor allem anhand ihrer Taten beurteilen und sich nicht von Äußerlichkeiten oder charismatischem Auftreten blenden lassen.

Ist das hier der Fall? Wir haben einen Politiker, der nachweislich seinen eigenen – immer wieder vor sich hergetragenen – moralischen Ansprüchen nicht im Ansatz gerecht wurde. Weder in der Tat noch in seinem Umgang damit. Aber seine Anhänger, die vornehmlich aus dem konservativen Lager kommen, in dem genau die Werte viel gelten, an die er sich nicht gehalten hat, stört das nicht weiter. So jemand darf nicht ohne Konsequenzen im Amt verbleiben! Dafür spielt es nicht die geringste Rolle, zu welcher Partei er gehört oder wie groß seine (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verdienste sein mögen.

Michael Spreng, der ehemalige Chefredakteur der BILD und ehemalige Wahlkampfleiter von Edmund Stoiber, nennt das in seinem Blog „Liebe zum Idol“, und „Gegenteil des kritischen Staatsbürgers“. Netzpolitik spricht vom kompletten Realitätsverlust der Anhängerschaft. Am weitesten geht das Schweiz Magazin, dass die Fanschar mit den Verehrern Hitlers vergleicht.

So weit muss man nun nicht gehen, und dass nicht nur wegen Godwins Gesetz. Ein Blick über die Alpen reicht. Nicht wenige von denen, die nun nach einer Rückkehr von Guttenberg schreien, haben noch vor kurzem über die Italiener gelacht, die wider besseren Wissens seit Jahren an Silvio Berlusconi festhalten.

Wo ist der Unterschied?

Da hilft auch das Argument nicht weiter, dass ja eh „alle Politiker lügen und betrügen würden“. Erstens hält diese Aussage einer genaueren Betrachtung keinesfalls Stand. Zweitens würde es auch keine Rolle spielen, wenn es denn stimmen würde – WENN wir die Konsequenzen aus solchem Verhalten ziehen. Genau darum geht es ja. Und es ist ja auch nicht so, als hätten andere Minister nicht zurücktreten müssen – teilweise für weit geringere Vergehen. Ich möchte da nur mal die Namen Ulla Schmidt und Rudolf Scharping in dem Raum werfen, falls sich noch jemand an die erinnert.

Es war keine linke Verschwörung, die Guttenberg zu Fall gebracht hat. Auch wenn die Vorwürfe der Opposition ob ihrer moralischen Ãœberhöhung und der Tatsache, dass sich in ihren Reihen auch nicht nur weiße Westen befinden, nicht ganz schicklich gewesen sein mag – es war nicht die Opposition, die sich hier etwas zu Schulden kommen lassen hat. Es war auch nicht die Wissenschaft.

Es war Guttenberg, der betrogen hat. Es war Guttenberg, der darüber wiederholt und ohne mit der Wimper zu zucken gelogen hat. Es war Guttenberg, der erst auf den massiven Druck von außen und als es nicht mehr vermeidbar war, den Rücktritt erklärt hat – allerdings auch hier ohne wirklich reinen Tisch zu machen und dafür mit einem Umdichten seines Verhaltens zu einer moralisch vorbildlichen Tat.

Das kann man nicht einfach ignorieren und ihn weiter als Heilsbringer betrachten. Sorry, aber solcher Kadavergehorsam verbietet sich in einer Demokratie einfach! Sonst bewegen wir uns wirklich wieder da hin, wo niemand von uns ernsthaft sein will. Und seien es „nur“ italienische Verhältnisse.

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