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Skeptizismus, Whisky und Politik

Diktat des Größenwahns

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„Sehr verehrte Fahrgäste. Wegen technischer Probleme an unserem Zug verzögert sich die Abfahrt noch um einige Minuten.“ Diese Durchsage hört man Reisender nie gerne. Wenn sie aber in einem Ersatzzug ertönt, der statt eines liegen gebliebenen ICEs mit Verspätung eingefahren ist, dann wird es schon relativ absurd. Das soll nun nicht zu einer Schimpfkanonade auf die Bahn werden – davon kann man im Netz mit wenig Aufwand genug finden und nur den wenigsten würde ich beipflichten. Es ist aber ein schönes Beispiel für ein größeres Problem, das weit über Die Bahn hinausgeht: das Diktat des Größenwahns.

Die Bahn hat viele Probleme. Ein paar davon sind groß und einige auch nicht ohne Weiteres lösbar. Die meisten Probleme sind aber eher klein und unspektakulär und summieren sich vor allem in Kombination zu großen Ärgernissen auf. Ein teilweise veralteter Fuhrpark, Engpässe auf Neben- und Hauptstrecken, nicht genug Personal um schnell auf Ausfälle reagieren zu können, Kommunikationsprobleme, usw.

Man könnte mit vergleichbar überschaubarem finanziellen Aufwand viele dieser Probleme lösen oder zumindest verbessern, wovon alle Fahrgäste spürbar profitieren würden. Das Problem dabei ist nur: Die Lösung der einzelnen Probleme wäre wenig glamourös und prestigeträchtig. Einen Megabahnhof wie Stuttgart 21 zu eröffnen, bringt einen in die Zeitung und ins Fernsehen. Veraltete Weichen austauschen nicht. Dass das Zweite wesentlich mehr Nutzen bringen würde als das Erste, macht diesen Sachverhalt besonders ärgerlich.

Was für die Bahn gilt, erleben wir auch in allen anderen Bereichen. Statt vieler kleiner sinnvoller Änderungen setzen wir gerne auf den großen Wurf, der vermeintlich alles löst. Dass diese Erwartung nicht nur selten in Erfüllung geht, sondern auch die mit der Umsetzung verbundenen Nachteile, Kosten und Folgeschäden regelmäßig weitaus größer ausfallen, als erwartet, mag uns in sehr weit hinten im Kopf zwar bewusst sein. Aber wir verdrängen diese Gedanken oftmals bereitwillig.

So ganz mag ich die Hoffnung darauf, dass wir irgendwann aus unseren Fehlern lernen, aber trotzdem nicht aufgeben. Denn es scheint sich Widerstand gegen die Formel „höher, schneller, weiter“ zu formieren. Dass die CDU-Regierung in Baden-Württemberg mit Ach und Krach abgewählt wurde, mag mehr an Fukushima als an Stuttgart 21 gelegen haben (wobei ich mir auch da nicht sicher bin). Bei dem überraschend deutlich ausgefallenen Votum der Münchner gegen die dritte Startbahn des Flughafens fehlen solche Erklärungsmodelle aber. München hätte keinen direkten Nachteil davon gehabt, die betroffenen Anwohner leben in Erding und durften nicht mit abstimmen. Die Befürworter haben Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Fortschritt beschworen. Und trotzdem waren die Münchner dagegen.

Ob das nun wirklich an der Einsicht geschuldet war, dass Großprojekte nicht nur oftmals wenig sinnvoll, sondern obendrein nur selten nachhaltig sind und damit einfach nicht mehr in unsere Zeit passen, kann ich nicht beantworten. Vorsichtig hoffen darf man aber möglicherweise.

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