The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Prügel für das Himmelreich

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With or without religion, good people can behave well and bad people can do evil; but for good people to do evil — that takes religion.

An diese Aussage von Steven Weinberg musste ich denken, als ich diesen Artikel in der New York Times gelesen habe. Ich weiß, das Zitat greift zu kurz. Es trifft nicht nur auf Religion zu, sondern auf jede Ideologie mit Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Aber hin wie her, auf Religion trifft es in jedem Fall zu.

Das schockierende und bedrückende an diesem Artikel sind nicht die Zahlen. Es ist die Tatsache, dass es sich bei diesen Eltern in den allermeisten Fällen nicht um schlechte Menschen handelt. Es handelt sich auch nicht um Menschen, die selber Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sind. Es handelt sich um liebende Eltern, die in der Gewissheit handeln, ihren Kindern Gutes zu tun. Das ist es, was mich so betroffen macht.

Wir wissen seit vielen Jahren, dass Gewalt in der Erziehung Kindern schwere psychische Schäden zufügen kann, über die einige ihr Leben lang nicht hinweg kommen. Das ist kein geheimes Spezialwissen, dass nur wenigen zugänglich ist, sondern allgemein anerkannter wissenschaftlicher Konsens. Dieses Wissen wäre all diesen Eltern zugänglich. Aber sie haben sich entschieden, es zu ignorieren bzw. abzulehnen, weil ihr Glaube ihnen etwas anderes vorgibt. Religion ist ihnen wichtiger und wahrer als gut belegtes Wissen. Was letztlich dazu führt, dass sie aus gutem Willen genau das Gegenteil von dem tun, was gut und richtig wäre.

Ich will nicht bestreiten, dass Religion in einigen Fällen zu Gutem führen kann. Aber solange sie auch zu solchen Auswüchsen führt, zählt das für mich nicht. Ein System, das solches Verhalten hervorbringt und kein überzeugendes Instrument hat, um solche Auswüchse zu verhindern, ist schlicht nicht hinnehmbar.

11 Kommentare

  1. „Ich weiß, das Zitat greift zu kurz. Es trifft nicht nur auf Religion zu, sondern auf jede Ideologie mit Anspruch auf Wahrhaftigkeit.“
    Das trifft auf so viel mehr als nur auf Ideologien zu. Neid. Hunger. Unterdrückung. Not… 12 Millionen Dinge fallen einem spontan ein, die Menschen zu Bestien machen. Der Spruch ist halt einfach ein schöner Draufschlaghammer. Wenn man nur einen kurzen Moment lang drüber nachdenken würde, würde man so einen Kampfspruch vermutlich gar nicht zitieren.

    „Es ist die Tatsache, dass es sich bei diesen Eltern in den allermeisten Fällen nicht um schlechte Menschen handelt. Es handelt sich auch nicht um Menschen, die selber Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sind. Es handelt sich um liebende Eltern, die in der Gewissheit handeln, ihren Kindern Gutes zu tun.“

    Diese Stellen, in die derart tief in die Psyche, die Motivation und die Biographie der drei Elternpaare geblickt wird, müssen mir völlig entgangen sein.

    „Wir wissen seit vielen Jahren, dass Gewalt in der Erziehung Kindern schwere psychische Schäden zufügen kann, über die einige ihr Leben lang nicht hinweg kommen. Das ist kein geheimes Spezialwissen, dass nur wenigen zugänglich ist, sondern allgemein anerkannter wissenschaftlicher Konsens. Dieses Wissen wäre all diesen Eltern zugänglich.“

    Wirklich? Dazu nur dieses Bild…
    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Corporal_punishment_in_the_United_States.svg&filetimestamp=20110927021047

    …und die Frage, ob man wirklich erwarten kann, dass die Bürger solcher Staaten mit pädagogischen Erkenntnissen vertraut sind, wenn selbst der Staat ihnen sagt: „Ab und zu ein Klaps, das ist in Ordnung!“? Und wir reden hier von Leuten, die (Artikel, Seite 2) für Hilfe in Erziehungsfragen „turned to the Internet“.

    „Aber sie haben sich entschieden, es zu ignorieren bzw. abzulehnen, weil ihr Glaube ihnen etwas anderes vorgibt. Religion ist ihnen wichtiger und wahrer als gut belegtes Wissen.“
    Kann es sein, daß dieser Blog mit ziemlich viel Wut und Hass geschrieben wurde?

    „Ich will nicht bestreiten, dass Religion in einigen Fällen zu Gutem führen kann. Aber solange sie auch zu solchen Auswüchsen führt, zählt das für mich nicht. Ein System, das solches Verhalten hervorbringt und kein überzeugendes Instrument hat, um solche Auswüchse zu verhindern, ist schlicht nicht hinnehmbar.“

    Analog würden radikale Gläubige wohl sagen:
    Ich will nicht bestreiten, dass Wissenschaft in einigen Fällen zu Gutem führen kann. Aber solange sie auch zu solchen Auswüchsen wie Atombomben und selbstlenkenden Raketen führt, zählt das für mich nicht. Ein System, das solches Verhalten hervorbringt und kein überzeugendes Instrument hat, um solche Auswüchse zu verhindern, ist schlicht nicht hinnehmbar.

    PS: Zugegeben, ich kenne das Buch nicht, und vermutlich ist es wirklich komplett abartig. Umso wichtiger ist diese im Artikel verlinkte Petition, die erreichen will, daß wenigstens die großen Stores das Buch aus dem Programm nehmen.

    Wie kommen eigentlich andere Gläubige dazu, solche Petitionen zu starten? Oder gar körperliche Züchtigungen abzulehnen?

    Fazit: Vermutlich mit dem Elterndasein völlig überforderte Menschen, vermutlich mit geringer Bildung, vermutlich streng gläubig, möglicherweise selbst mit einem Hintergrund der körperlichen Bestrafung, höchstwahrscheinlich ein völlig bescheuertes Buch (wie so vieles, was sich auf dem Ratgeber-Markt tummelt!), möglicherweise noch 234234 andere Hintergründe. Ob es eine einzige, alles erklärende Sache gibt? Und ob das die Religion ist? Ich bin da…. skeptisch.

  2. Ich habe weder behauptet, dass es eine einzige, alles erklärende Sache gibt noch dass sich alle Gläubigen gezwungenermaßen so verhalten. Beides wäre auch unsinnig.

    Was ich behauptet habe, ist dass Religion eine zentrale Rolle bei diesem Fall spielt. Eben weil sie einen Anspruch auf die Wahrhaftigkeit der eigenen Inhalte hat, der über den Erkenntnissen aus jeder anderen Quelle steht. Ganz egal, wie gut diese belegt sind. Es ist ja gerade der Kern religiösen Glaubens, keine Belege zu brauchen. Wenn es Gottes Wille ist, ist es richtig, ganz egal was es ist. Es ist genau diese irrationale Haltung, die solche Vorgänge möglich macht.

  3. Ich denke, man muß zwei Seiten betrachten:
    a) Die menschliche Natur generell und diese ist von Mensch zu Mensch verschieden. Will sagen, es gibt starke, schwache, narzisstische, gutmütige, machthungrige,liebenswürdige uvam. Menschen.
    b) Das Umfeld. In diesem Umfeld spielen evolutions- und geschichtshistorisch bedingt natürlich Religionen eine große Rolle, die dies prägen.
    Aber was sind Religionen? Ich persönlich als Atheistin habe mir folgende, natürlich nur grobe Trennlinien als Erklärung festgelegt, die aber mMn. trotzdem helfen,manches vllt. besser zu verstehen. Der Grund – im allgemeinen Jargon werden die Begriffe ja immer verwaschen. Einmal ist Religion = Kirche/ Moschee, ein andermal heist es Christentum oder Islam jetzt als Beispiele.
    Ich selber betrachte für mich dies immer dreigeteilt (natürlich jetzt nur grobschlächtig und vereinfacht dargestellt):

    1) Der reine Gottglaube, also Theismus. Der kann ersteinmal unabhängig existieren. Für den einen ist es einfach eine unerklärliche Kraft, für den anderen ein Gott mit einem Rauschebart, für Dritte wiederum ein Konglomerat an Göttern. Rein theoretisch erst einmal komplett frei und unabhängig. Jeder, welcher in irgendeiner Form theistisch/transzendent veranlagt ist, hat sein privates, völlig eigenes Bild dessen .

    2) Eine Philosophie. Was uns als der Begriff Religion allgemein über die Jahrhunderte bekannt und sozialisiert ist, betrachte ich als eine Art Philosophie, die mit Gott verwoben in Verbindung gebracht wird. Theismus und Philosophie können kreuz und quer zusammengestellt werden, deshalb gibt es ja auch unzählige Formen an Religionen. Die kulturellen Gegebenheiten spielen da natürlich auch noch eine Rolle. In diesem Fall eben als Beispiel Christentum, Islam, aber auch die Mythologien usw.
    Vorallem seit der Aufklärung gibt es viele gottentkoppelte Philosophien, weshalb sie auch nicht mehr als Religion bezeichnet werden. Allerdings gibt es durchaus theistische Menschen, die an der einen oder anderen Philosophie gefallen finden, je nachdem, wie der Inhalt lautet, ggf. auch nur Teile davon.
    Man kann aber auch aus einer Religion den einen oder anderen Punkt positiv, einen weiteren negativ betrachten, ohne die Gottverbindung wirklich ernst zu nehmen. Auch Mythologien haben ihre Aussagen, deshalb glaubt aber kaum jemand noch an einen Blitze werfenden Zeus (deshalb die philosoph. Betrachtungsweise der Religion z.B. ähnlich Märchen oder Fabeln). Hier geht es eigentlich kreuz und quer bei den Menschen und ihren Ansichten.

    3) Ideologie. Zu einem Zeitpunkt, wo für bestimmte macht- und wirtschaftspolitischen Zwecke eine Philosophie instrumentalisiert wird, wird sie zur Ideologie. Kirchen sind Ideologie, ebenso Sekten, Moscheen, aber auch Stalinismus & Co. usw. Z.B. Christentum ist nicht Kirche, aber Kirche benutzt Christentum als Legitimation. Wenn aus Philosophien Gesetze zum herrschen, wie Judikative, Exekutive usw. gebildet werden. Im Falle Kirche eben Dogmen, die entsprechend ausgeübt und vollstreckt werden. Hinzu die Monopolisierung auf einen bestimmten Gott mit einer bestimmten Wahrheit.
    Ideologien können sich aus allen möglichen Philosophien bilden, sie können ebenso eigene Irrgespinste darstellen, quasi in einem wirren Hirn eine eigen entwickelte „Idiotenphilosophie“,zusammengesponnen aus allen möglichen Ansichten, welche auch hier zu einer Wahrheit erklärt werden. Philosophien können bei moderaten Herrschern gutes bewirken und bei Despoten negatives. Diese picken sich die für sie genehmen Teile heraus und gestalten sie zum Gesetz. Sie schaffen sich Module aus einzelnen Philosophien mit oder ohne Gottesbezug, welche ihren Zwecken dienen. Die Herrschaftsform (Monarchie, Diktatur, Theokratie usw.) spielen dabei für die Ausführung eine große Rolle.
    Je gebildeter die Menschen werden, neben wiss. Erkenntnissen natürlich auch auf philosophischem Gebiet, desto schwerer wird es, Menschen ganz simpel zu beeinflussen und zu steuern. Die Menschen werden auch da nie auf einen 100% Nenner gelangen. Meinungen, Ansichten werden immer auseinandergehen, Dispute über Auslegungsfragen existieren, auch hier werden sich machthungrige Menschen etablieren, denen schwächere gegenüberstehen. Aber eine Grundallgemeinbildung schafft einen Puffer, eine Opposition, die es verhindert, in ein Extrem abzudriften. Quasi eine Gesellschaft, die es schafft, nicht in Extreme abzugleiten und diese im Zaum zu halten.

    Die Ideologien auf Religionsbasis sind einfach geschichtshistorisch zu lange verwurzelt und haben heute in vielen Regionen dementsprechend noch Erfolg. Selbst ich als Atheistin würde oben angesprochenes Problem aber allgemein nicht nur auf Religionen beziehen. Sie sind nur altbewährt und die am meisten verbreitete Methode, aber es ist auch mit anderen Philosophienauslegungen möglich, wenn ein Despot sich die passenden Punkte seiner Interessen, eben die Module entsprechend gestaltet und es schafft, einen Apparat zu bilden, der die Gesellschaft in Schach hält. Wächst jemand in so einem Umfeld mit erzkonservativen, modulreligiösen aber auch anderen modulphilosoph. Einstellungen auf, wo ggf. bis zu den obersten Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft krude Ansichten vertreten werden, prägt das die Menschen. Einmal durch den wirtschaftpolit. Druck zum anderen über die die Region bestimmenden Faktoren wie Bildung, wo entsprechender Einfluß und Verklärung es schafft, bei Menschen diverse Sichtweisen herauszubilden, indem man sie einseitig informiert, ausbildet, von externen Informationsbeschaffungen abschneidet usw. Es gibt hierbei immer Nutznieser, welche profitieren und Opfer.

  4. Eine monokausale Erklärung ist hier unangebracht. Warum?

    Für viele Religionen (Buddhismus, Christentum) ist Gewaltlosigkeit und Gewaltverzicht Kernpunkt der ethischen Forderung. Das Buch von dem der Artikel berichtet steht im direkten Widerspruch zur ehtischen Forderung von Gewaltlosigkeit.

    Und weiter lassen auch viele nichtreligiöse Staatsmodelle und soziale Lebensumfelder körperliche Züchtigung oppurtun erscheinen, worauf oben schon hingewiesen wurde: Wenn ichschwache Individuen in so einem Umfeld aufwachsen und nach Orientierung suchen, werden sie den „common sense“ übernehmen – egal wie er im Einzelnen begründet wird.

    Im Ganzen ist die Argumentation im Blogbeitrag etwas überzogen und blendet viele andere Ursachen und Zusammenhänge aus – bei allem wohlwollenden Verständnis für notwendige Kritik an religiösen Auswüchsen …

  5. @ Elberreth:

    Was du schreibst, ist richtig. Aber es geht an dem vorbei, was ich geschrieben habe. Es geht nicht um einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Religion. Schon gar nicht als einzige Ursache. Streng genommen geht es überhaupt nicht um religiöse Inhalte.

    Religion kann jeden Inhalt haben, moralischen wie unmoralischen. Jede Tat kann religiös begründet werden (und wird es auch). In beinahe jeder Religion. Das ist eine reine Interpretationsfrage. Das Problem ist, dass Religion ein kritisches Hinterfragen der Inhalte in den allermeisten Fällen nicht fördert oder gar einfordert, sondern im Gegenteil behindert bzw. schlimmstenfalls verhindert. Und das schafft die Grundlage für das Verhalten dieser Eltern. Diese Eltern verhalten sich ja aus ihrer Sicht gerade nicht unmoralisch und gegen die ethischen Grundsätze ihres Glaubens, sondern handeln völlig im Einklang damit.

    Und: Dass es auch andere Mechanismen gibt, die solches Verhalten bedingen und unterstützen, ist richtig. Es tut hier aber nichts zur Sache, denn in diesem Fall spielt Religion ganz offensichtlich eine zentrale Rolle. Sie ist der gemeinsame Nenner bei diesen Eltern. Das kann man nicht damit entkräften, dass es in anderen Fällen andere Ursachen gibt.

  6. „Religion kann jeden Inhalt haben, moralischen wie unmoralischen. Jede Tat kann religiös begründet werden (und wird es auch). In beinahe jeder Religion. Das ist eine reine Interpretationsfrage.“

    Eine Interpretationsfrage ist es – aber keine beliebige. Denn jede Religion setzt ethische Standards, die nicht unterschritten werden können, will man sich glaubhaft der Zugehörigkeit versichern .

    Der Punkt ist in deiner Argumentation glaube ich folgender: Es ist ein Zirkelschluss, wenn du meinst die „modulreligiöse“ Begründung der betreffenden Familie stelle automatisch auch die ethische Begründung offizieller, gängiger Religion dar. Es ist eine für die betreffenden offensichtlich subjektiv schlüssige Begründung. Aber sie steht im Gegensatz zum ethischen Kodex selbst christlicher Religion.

    Dass solche „Missdeutungen“ entstehen können (übrigens in jedem sozialen Umfeld mit bestimmten ideologischen Prägungen ) ist nicht ursächlich in einer Ideologie / Religion begründe.

    Weiter oben wurde ja darauf hingewiesen, dass humanistisch- wissenschaftliches Denken gleichfalls Auswüchse und Missbrauch nicht verhindert. Auch dort entstehen „Auswüchse“ in der praktischen Ausnutzung (Massenvernichtungswaffen inkl. kalkulierte Kollateralschäden), die trotz des eigentlich angelegten kritsich- rationalen Potentials realisiert werden.

    „Das Problem ist, dass Religion ein kritisches Hinterfragen der Inhalte in den allermeisten Fällen nicht fördert oder gar einfordert, sondern im Gegenteil behindert bzw. schlimmstenfalls verhindert. “

    Meines Erachtens ist im relgiösen Denken wenn es sich selbst reflektiert, ebenfalls ein kritisch -rationales Potential angelegt, dass sich sehr wohl sogar innerhalb dieser Weltsicht reinigend auswirkt und wesentliche Dinge kritisch hinterfragt.

    Wo dieses kritische Hinterfragen ausbleibt, handelt es sich um religiösen Fundamentalismus – aber nicht um Religion in ihrem eigentlichen positiven Selbstverständnis. Auch wir Humanisten würden uns doch wohl nicht ernst genommen fühlen, würfe man uns mit atheistisch – dogmatischen Fundamentalisten in einen Topf auf dem steht: Das ist Humanismus.

    Ich denke entscheidend ist in jedem Fall immer der einzelne Mensch, der sich bestimmten möglichen und bitter notwendigen Einsichten verschließt oder nicht sehen kann, weil er durch soziales Umfeld etc. konditioniert ist. Fehlende Selbstreflexion ist in der Praxis wohl die wahre Trennlinie in diesen Fällen – und weniger Religiösität, Areligiösität oder Agnostizismus an sich.
    Aber wie es scheint, siehst du das anders.

  7. Was den ersten Punkt angeht: Die moralischen Mindeststandards wurden in jeder Religion immer wieder unterschritten. Wenn das dazu führen würde, dass man sich nicht mehr „glaubhaft der Zugehörigkeit versichern“ könnte, dann wäre die Katholische Kirche über weite Teile ihrer Geschichte kein Teil des Christentums gewesen.

    Jedes religiöse Werk ist so ambivalent, dass sich jede Tat mit dem Willen Gottes rechtfertigen lässt. Auch die absurdesten Widersprüche lassen sich damit „auflösen“.

    Und wer entscheidet bei widersprüchlichen Aussagen, welches die „Missdeutung“ und welches die „korrekte“ Deutung ist?

    Zum zweiten Punkt: Ja, ich sehe das anders. Wenn man sich die Geschichte anschaut oder auch einfach die aktuelle Welt, dann ist völlig offensichtlich, dass kritisches Denken und Hinterfragen umso weniger ausgeprägt sind, je wichtiger Religion in einer Gesellschaft ist. Weil kritisches Denken und Hinterfragen der Inhalte eben keine religiöse Kernforderung ist, sondern in den meisten Religionen verpönt. Der wahre Gläubige braucht keine Beweise für seinen Glauben. Im Gegenteil: wer zweifelt, ist ein Ketzer.

    Dass es trotzdem kritische Gläubige gibt (und immer gegeben hat), ist richtig. Sie konnten und können ihre Zweifel aber in den Gesellschaften gefahrlos äußern, in denen die religiösen Kräfte nicht die Macht dazu haben, das zu unterbinden. Religion hat das nie ermöglicht, sondern nach Kräften zu verhindern versucht.

    Das ist der Unterschied zu anderen Systemen. Natürlich kann auch aus anderer Quelle Unheil entstehen, genau wie schreckliche Ansichten. Aber wer den Anspruch auf Wahrhaftigkeit hat, der begünstigt das enorm. Das ist nicht nur bei Religionen so, aber eben vor allem bei Religionen.

  8. Obwohl ich vermute, dass wir von einer ähnlichen weltanschaulichen Basis aus argumentieren, sehe ich das anders: Es lässt sich nicht „jede Tat mit Gottes Willen rechtfertigen“. Wenn diese Taten dennoch im Namen der Religion begangen werden, dann ist das so wie im staatlich juristischen Rahmen: Subjektiv hat jeder Kriminelle „seine moralische“ Rechtfertigung („modulreligiös“), – denn er begeht die Tat ja, weil er meint, dies würde ihm mehr nützen, als sich „gesetzeskonform“ zu verhalten. Auch Staaten und Diktaturen in denen Relgion nicht Staatsdoktrin ist, interpretieren, bestehende Menschenrechtskonventionen gleichfalls in „ihrem“ Sinne: Ich glaube man würde im in so einem juristischen, völkerrechtlichen oder staatsrechtlichen Zusammenhang nicht auf die Idee kommen zu sagen: Die Basis der Gesetzgebung ist „schuld“ wenn sich Bürger / Staaten nicht entsprechend verhalten.

    Deine Sicht auf Religion blendet etwas die Dinge aus, die ich trotz Kritik auch sehe: Sehr wohl hat sie über Jahrhunderte Standards etabliert, die zwar religiös begründet – aber dennoch eingang in unser modernes Denken gefunden haben.

    „Und wer entscheidet bei widersprüchlichen Aussagen, welches die “Missdeutung” und welches die “korrekte” Deutung ist?“

    Ich denke im Fall „Religion“ genau wie in jedem anderen Fall: Selbstreflexion und Argumentation von den Grundlagen her, die eine Weltanschauung zur eben dieser Weltanschauung macht.
    Im Fall „Prügeln für das Himmelreich“: Gewaltfreiheit als ethischer Grundsatz im Christentum, macht die Argumentation sehr klar und eindeutig … Jeder von uns weiß, dass dieser Grundsatz im Verlaufe der Geschichte mit Füßen getreten wurde – aber dass macht ihn nicht unangemessen oder falsch, unabhängig von seiner religiösen Begründung.

    Mein Standpunkt ganz allgemein zum Umgang mit Religion: Wo sich Argumente innerhalb dieser Weltsicht finden, die mit Zielen des modernen Humanismus deckungsgleich sind (hier Argumentation gegen offensichtlich irrationales Verhalten) – da bin ich dafür diese Argumentation zu unterstützen, wenn sei selbstreflexiv ist. Was haben wir davon eine mögliche Begründung zu „diffamieren“, nur weil sie religiös daherkommt ? Den seltsamen Pastor mit seinem Buch wirst du mit rein areligiöser Argumentation wohl eher nicht erreichen, auch seine „Anhänger“ nicht.

  9. „Wenn diese Taten dennoch im Namen der Religion begangen werden, dann ist das so wie im staatlich juristischen Rahmen: Subjektiv hat jeder Kriminelle “seine moralische” Rechtfertigung […]“

    Ich weiß nicht genau, worauf die hier jetzt rauswillst. Ein religiöser Kodex ist mit einem juristischen meiner Meinung nach nicht vergleichbar, da er im Gegensatz zu einem solchen keinesfalls auf zweifelsfreie Eindeutigkeit ausgelegt ist. Im Gesetzbuch finden sich seltenst Widersprüche, alles ist möglichst eindeutig und zweifelsfrei festgelegt. Das trifft auf religiöse Texte nicht ansatzweise zu.

    „Deine Sicht auf Religion blendet etwas die Dinge aus, die ich trotz Kritik auch sehe: Sehr wohl hat sie über Jahrhunderte Standards etabliert, die zwar religiös begründet – aber dennoch eingang in unser modernes Denken gefunden haben.“

    Wenn dem so sein sollte, dann haben sich weite Teile der Gläubigen (und auch die Kirchen selber) über die meiste Zeit der Existenz nicht an diesen Standard gehalten. In der gesamten Geschichte des Christentums wurde Gewalt mit dem Verweis auf Gottes Wille legitimiert. Auch heute noch. Einen Standard der Gewaltfreiheit sehe ich bestenfalls theoretisch, auch in anderen Religionen. Die These, dass jemand, der Gewalt im Namen Gottes vertritt, nicht für sich in Anspruch nehmen könnte, ein Teil der Religionsgemeinschaft zu sein, halte ich für nicht haltbar.

    Aber damit gehen wir jetzt sehr weit von meinem eigentlich Punkt weg. Es ging mir gerade nicht um die Art der Inhalte, sondern darum, inwiefern sie hinterfragt oder einfach angenommen werden, weil sie eben als Gottes Wille verkauft werden. Ganz unabhängig davon, woraus sie im konkreten Fall bestehen.

  10. Hmmm sehr schwierig.
    Ich bin bin Atheist, kein Christ und Gegener von Organisationen wie der Kirche.
    Ich denke aber trotzdem, daß man zwischen Christentum als dem einen und Kirche als dessen Missbrauchsorganisation unterscheiden sollte.
    Sicher ist für mich ein Gott obsolet, aber das reine Christentum betrachte ich trotzdem als eine Philosophie über welche man diskutieren kann, egal ob pro oder contra. Man kann dies auch als Atheist, wo man eine Heilig Geist-Befruchtung und Gottessohnschaft eines (fiktiven?) Jesu in die Tonne kloppen, also nicht für voll nehmen, aber thematisch sich trotzdem damit beschäftigen kann. Halt ähnlich anderer Philosophien (z.B. der Altgriechen), Mythologien, Märchen und Fabeln, welche ja meist auch irgend eine Aussage haben. Man kann auch seine Schlüsse aus Homers Ilias ziehen, ohne an griech. Götter glauben zu müssen.

    Die Blutspur, welche die letzten 2000 Jahre gezogen wurde, war nicht das Christentum per se, sondern die Kirche, welche sich auf die Fahne geschrieben hat, das Christentum zu vertreten. Die Kirche ist aber nicht Christentum, so sehr sie es auch predigt und den Menschen dies einredet, glauben läßt und damit ködert – sie ist ein wirtschaftspolitischer Machtapparat, welcher eine Ideologie, die zum Zeitpunkt der Gründung und Entwicklung bei der Machtergreifung eine Rolle spielte, eben für ihre Zwecke zu Nutze machte.
    In diesem Fall waren es erste Erfahrungen mit griechischer Demokratie, römischer Republik, welche wieder ins Patriarchat und damit dem römischen Reich/Kaisertum verfiel. Sowas weckt Begehrlichkeiten. Die Kirche lebt diese Tradition fort – der Papst als weströmischer Kaiser. Der Kaisertitel war bei deren Aufsteig noch belegt (West- und Ostrom), also mußte eine Konkurrenzideologie her, welche sich erst Bischof von Rom (neben 1000 konkurrierenden Bischöfen rund ums Mittelmeer), später Papst nannte. Kirche existiert nur aus reinem Hegemoniestreben.

    Es wird immer Machtmenschen geben. Wenn eine Ideologie belegt ist, strickt man sich eine neue, egal wie wirr sie ist. Sie können auf bereits bestehenden Ideologien basieren und mit neuen Elementen „garniert“ werden oder gar aus komplett neuen Ideologien bestehen. Sie müssen auf alle Fälle eine Konkrurrenzgebilde darstellen, um vorherrschenden Ideologien den Rang abzulaufen, dessen Mitglieder für sich zu gewinnen. Sie stehen im Wettbewerb um die Vorherrschaft. Dies hatte auch ein Gröfaz erkannt, schließlich bediente er sich größtenteils der Kirchenideologie (z.B. Antisemitismus / -judaismus). Mit einer großen Portion bewährter Lehren, garniert mit zeitgemäßen Hirngespinsten kann man Menschen zur Gefolgschaft bewegen, da sie sich in zahlreichen Punkten der Ideologie wiederfinden. Den Nazis ist dies gelungen, Stalin und Co. hielten dies ebenfalls eine Weile durch, bis es kollabierte. Die Kirche ist noch! standhaft, aber deren Absolutismus wird auch fallen, je gebildeter die Menschen werden.

    Gleicher Methoden bedienen sich die Sekten in den USA und sie finden immer Anhänger,welche entweder belächelt werden oder bei Macht- und Wirtschaftspositionen ggf. Regionen prägen können. Dies führt dann zu entweder regional oder gar national prägenden Gesetzen und Ansichten, weil die entsprechende Mehrheit dies befürwortet.

  11. ^^ oops — Prinzipat, nicht Patriarchat – obwohl alles partiarchisch war 😉

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