The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Stell dir vor, es ist Krieg und wir gehen hin

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60 Jahre lang war Frieden für uns der Normalzustand. 60 Jahren in deren Verlauf zumindest die nach 45 geborenen den Krieg nur aus dem Fernsehen und den Erzählungen der Eltern und Großeltern kannten, denen zunehmend skeptischer gelauscht wurde. Die Bundeswehr spielte mit ein paar Blättern am Kopf Landesverteidigung im Westerwald und vertrieb sich ansonsten die Zeit mit der Konstruktion eines Feindbildes, die immer irrealer und lächerlicher wurde. Frieden war der Normalzustand und wirkte völlig unumstößlich.

Als es bei mir 1993 aufs Abitur zuginge und damit auch die Entscheidung zwischen Wehr- und Zivildienst ein Thema wurde, führten wir ideologische Schattenkämpfe aus. Die Idee, dass man als deutscher Soldat tatsächlich mal in den Gewissenskonflikt kommen würde, seine Waffen gegen jemand anders erheben zu müssen, war so abstrakt, dass es bei den Verweigerungen eher um eine Frage des Stils ging als um einen wirklichen Gewissenskonflikt. Keiner würde schießen, keiner würde sterben.

13 Jahre später hat sich einiges geändert. Es gibt keinen durch den Kalten Krieg erzwungenen Zustand des Friedens mehr, Deutschland ist nicht mehr der Sonderfall, sondern ein international engagierter Staat in einer Welt, in der es eben doch Krieg und Tod gibt. Und zwar nicht als Ausnahme, sondern eher als Regel. Diese Kriege finden immer noch woanders statt, aber diesmal sind wir dabei. Zwar führen wir keinen Krieg und das wird aller Voraussicht nach auch so bleiben. Aber 8700 Bundeswehrsoldaten robben nicht mehr durch die deutsche Heide, sondern sind in genau diesen Krisengebieten stationiert. In „friedenserhaltenden“ oder „friedenschaffenden Massnahmen“, schlimmstenfalls mit „robustem Mandat“. Die rot-grüne Regierung hat sich viel Mühe gegeben, dem ganzen möglichst harmlose Namen zu geben, um die Einsätze vor der (größtenteils pazifistischen) Wählerschaft rechtfertigen zu können. Das mag damals verständlich gewesen sein, inzwischen ist es trügerische und falsch. In der Vorstellung der Bevölkerung mag der Alltag der Soldaten im Ausland darin bestehen, durch die Städte zu fahren und den Verkehr zu regeln, Wahlzettel einzusammeln und im schlimmsten Fall einen Sechsjährigen an den Ohren zu ziehen, der auf dem Marktplatz in Kabul einen Apfel vom Stand geklaut hat. Aber in einigen der Gebiete, in denen die Bundeswehr ihren Dienst verrichtet, ist richtiger Krieg. Kein klassischer, mit Schützengräben und Panzerschlachten. Moderner Krieg. Guerilla-Krieg. Terror.

Dass die Anzahl der Attentate in Afghanistan beständig zunimmt und inzwischen 21 deutsche Soldaten im Dienst gefallen sind, wurde in der Hochstimmung der WM nicht so richtig wahrgenommen. Erst die Bilder mit den Totenschädeln und die völlig übertriebene Aufregung darüber haben die Überlegung zurückgebracht, dass die Auslandseinsätze vielleicht doch nicht so friedlich sein könnten, wie mancher glauben mag.

Wir müssen anfangen, der Realität ins Auge zu sehen. Die Bundeswehr verrichtet wichtige und richtige Arbeit im Ausland und in den meisten Einsätzen macht sie einen verdammt guten Job. Aber sie macht nicht nur einen sehr gefährlichen Job, der die Leben unserer Soldaten kosten kann, sie macht auch einen harten Job, der zermürbt und verroht. Mit beiden Tatsachen müssen wir uns auseinandersetzen.

Die Idee des sauberen und moralisch einwandfreien Kriegs einer zivilisierten Nation hat sich spätestens in Vietnam als völlige Illusion erwiesen. Wer täglich mit dem Tod zu tun hat, wer täglich um sein Leben fürchten muss und gezwungen sein kann, das der anderen zu nehmen, dessen Ansichten verschieben sich. Hier aus unseren Büros heraus mag das Spielen mit Schädeln pervers und erschreckend erscheinen. In Afghanistan ist es Teil eines absurden und gewalttätigen Alltags. Und solange tragfähige politische Konzepte fehlen, wird sich daran auch nichts ändern, im Gegenteil. Wir müssen dem ins Auge sehen und uns damit auseinander setzen. Krieg ist hässlich und gefährlich. Es wird weitere Tote geben. Es wird weitere Skandale geben, vermutlich von anderer Hässlichkeit als ein Posieren mit Schädeln. Wir müssen wieder lernen, mit dem Krieg zu leben.

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