The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Wir haben eine Welt geschaffen, die wir nicht mehr verstehen

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Das Gefühl, dass die Welt uns über den Kopf wächst, kennt wohl jeder von uns. Es reicht aus, eine Zeitung aufzuschlagen oder Nachrichten zu sehen. Wer vor uns kann behaupten, die aktuelle Finanzkrise im Euroraum wirklich zu verstehen? Dabei ist das nur einer der offensichtlichsten Fälle. Bei sehr vielen Themen stoßen wir bereits nach recht kurzer Zeit auf eine Komplexität, die uns überfordert. Selbst Spezialisten ist es in ihren Fachgebieten kaum mehr möglich, immer auf dem neuesten Stand zu sein und alles zu durchdringen.
Insgesamt muss uns das auch nicht verwundern. Wenn wir es von der Seite der Evolution her betrachten, steht unser Gehirn noch immer auf dem Entwicklungsstand eines Jägers und Sammlers, der in Gruppen durch die Savanne zieht und sich diversen Gefahren und Aufgaben stellen muss, die mit unserem heutigen Leben so gut wie nichts zu tun haben. Unser Gehirn sehr gut dafür geeignet, unser Überleben in einer solchen Umgebung zu sichern. Es hat vor allem eine überempfindliche Mustererkennung, die Zusammenhänge und Gefahren auch dort sieht, wo keine sind. Ein Raubtier im Gebüsch zu sehen, auch wenn keines da ist, ist kein folgenschwerer Fehler. Es aber zu übersehen, wenn es tatsächlich dort lauert, kann fatal sein. Der Fokus lag damals nicht darauf, Situationen exakt zu analysieren und vollkommen korrekt zu verstehen, sondern darauf, schnell zu reagieren und dabei gravierende Fehler zu vermeiden. Auch zum Preis von Fehlalarmen.

Weiterhin besitzt unser Gehirn aus dieser Zeit etliche Mechanismen, die ein schnelles Lernen (ebenfalls unter dem Schwerpunkt, gravierende Fehler zu vermeiden) in fremden Umgebungen gewährleisten sollen, den sozialen Zusammenhalt stärken sollen und so weiter. Eben alles Fähigkeiten, die in dieser archaischen Umgebung sinnvoll sind.
Wir sehen nicht nur Zusammenhänge, wo vielleicht gar keine sind. Wir bleiben bei einer einmal gefassten Meinung und werten alle Informationen dazu eher als Bestätigung, auch wenn sie eigentlich Belege für das Gegenteil sind. Wir können nicht gut mit Risikoabschätzungen umgehen und werten seltene und fremde Bedrohungen schwerer als häufige und vertraute. Wir kommen generell schwer mit abstrakten Konzepten klar, vor allem mit mathematischen Konzepten wie Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Liste lässt sich noch lange weiter fortsetzen.

Das alles hat mit dem Einsetzen der Zivilisation immer wieder zu Problemen geführt. Herrscher, Schamanen, Priester, Betrüger und Gauner aller Art wussten die Eigenheiten unserer Denkweise schon immer zu ihrem Vorteil zu nutzen und das Volk zu hintergehen, auszubeuten und zu unterdrücken. In der Welt von heute bekommt das aber noch eine sehr viel weitreichendere Dimension.

Die Welt, die wir geschaffen haben, ist mittlerweile so komplex geworden, dass nicht nur die Normalsterblichen sie nicht mehr durchschauen, sondern auch diejenigen, die unsere Welt leiten und lenken sollen; diejenigen, die diese Leute kontrollieren sollen – oder eben auch diejenigen, die die Mechanismen ausnutzen wollen. Sie alle sind letztlich genau wie jeder von uns gefangen in Strukturen, die so komplex geworden sind, dass sie sich unserer Kontrolle in letzter Konsequenz entziehen. Wer denkt, dass er wirklich Herr der Lage ist und sein Leben und seine Umgebung kontrolliert, erliegt dabei in fast allen Fällen einer Illusion. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um einen einfachen Angestellten, einen Abgeordneten im Parlament oder den Chef einer Bank handelt. Sie alle spielen nur nach den Regeln mit. Die Summen und die Dimensionen mögen sich ändern, das Prinzip bleibt das gleiche. Wer mit dem System interagiert, muss nach seinen Regeln spielen. Und diese Regeln sind komplexer als wir begreifen können.

Vielen von uns ist die Überforderung mit der Welt auch völlig bewusst. Wir flüchten deswegen gerne in einfache Antworten, auch wenn uns klar ist, dass diese oftmals nicht richtig sein können. Wenigstens sind sie verständlich und greifbar, und das reicht uns oftmals. Das führt aber nicht nur dazu, dass wir immer noch Scharlatanen, falschen Heilsbringern und Propheten nachlaufen, unser Geld für Esoterik und Quacksalberei zum Fenster hinaus werfen oder uns obskuren Philosophien oder Aberglauben anschließen.

Es führt vor allem auch dazu, dass wir auf die dringlichsten Probleme unserer Zeit keine sinnvollen Antworten mehr geben können. Wir verstehen die Situation einfach nicht mehr. Egal, ob es die Finanzkrise, der Klimawandel, der demographische Wandel, die Zerstörung unserer Lebensgrundlage durch einen völlig aus der Bahn geratenen Ressourcenverbrauch, die Frage nach dem Umgang mit Gewalt, Terrorismus, Überwachung oder der Umgang mit unseren Daten und Persönlichkeitsrechten ist – wir können die Zusammenhänge bestenfalls noch in Teilen verstehen. Dass unsere Antworten darauf deswegen auch nur noch fragmentarische sein können und sich deswegen auch oft widersprechen, nehmen wir hin oder blenden es einfach aus. Wenn unsere Kanzlerin innerhalb eines Satzes die beiden Begriffe „Nachhaltigkeit“ und „Wachstum“ verwendet, dann wissen wir zwar im Grunde genommen, dass es sich dabei um einen unvereinbaren Widerspruch handelt und der Satz keinen Sinn ergeben kann. Aber wir sehen darüber hinweg, weil uns das Gesamte so überfordert, dass wir es nicht mehr greifen können. Beide Worte klingen gut, weiter denken wir nicht darüber nach. Sie wird das alles schon im Griff haben, ist ja eine kompetente Frau.

Das könnte letzten Endes jedoch zu genau dem fatalen Fehler werden, den unser Gehirn eigentlich vermeiden möchte, denn wir fahren aktuell mit sehr hoher Geschwindigkeit auf eine ziemlich stabile Wand zu.

Skeptisches Denken

Wir sind der Situation nicht völlig ausgeliefert. Es gibt Techniken und Methoden, die die Limitierungen und Eigenheiten unseres Gehirns zumindest berücksichtigen und versuchen, darauf zu reagieren. Skeptizismus, wissenschaftliches Denken, ständiges Hinterfragen und Überprüfen gehören dazu. In erster Linie aber ein Bewusstsein dafür, dass die Informationen, die uns unser Gehirn liefert, fehlerhaft, unvollständig und teilweise auch komplett falsch sein können. Daran muss man sich immer wieder erinnern und sich immer wieder fragen, ob man gerade wirklich richtig liegt, oder auf eine Selbsttäuschung hereinfällt. Wir sind einfach zu gut im Selbstbetrug um uns einfach so zu trauen.

Das klingt allerdings einfacher, als es ist. Und auch wenn man bereit ist, der Welt und sich selber zu misstrauen und alles zu hinterfragen – es bleibt immer Arbeit und wird nie ein Selbstläufer. Wir können letztlich nicht gegen unsere Funktionsweise an; wir können nur versuchen, so gut wie möglich damit umzugehen.

Aber auch das führt nicht dazu, dass wir die Welt komplett verstehen können. Es hilft uns nur dabei, falsche Entscheidungen zu vermeiden, aber nicht unbedingt, die richtigen zu finden. Das macht es nicht weniger richtig und wichtig, aber es wird allein nicht ausreichen.

Vereinfachung der Strukturen

Ich denke, dass wir es schaffen müssen, die Komplexität der Welt wieder so weit zu reduzieren, dass wir sie begreifen und damit auch handhaben können. Wir müssen versuchen, große Strukturen wieder in Teilstrukturen herunter zu brechen, die wir überschauen können. Das gilt in jedem Bereich, politisch wie wirtschaftlich, in unserem Job wie in unserem virtuellen oder realen Umfeld.

In der Politik gibt es das sogenannte Subsidiaritätsprinzip. Das beschreibt die Idee, dass für jedes Problem die niedrigstmögliche Einheit zuständig sein sollte. Also z.B. für eine Spielstraße die Gemeinde, für eine Verbindungsstraße zwischen zwei Orten der Kreis/Bezirk, für eine Landstraße das Bundesland und für eine Autobahn der Bund. So ist unser Staat (und auch die EU) zumindest theoretisch auch geordnet (auch wenn es in der Praxis leider an vielen Stellen ganz anders aussieht).

Die meisten kennen die Aufspaltung auch aus dem Arbeitsleben. Wir arbeiten in Abteilungen und Teams und wir alle wissen, wie viel schwieriger es wird, wenn diese zu groß oder die Struktur dahinter zu komplex wird. Es gibt regalweise Literatur dazu, wie man solchen Problemen entgegentreten kann.

Vor allem müssen wir solche Prinzipien und Methoden aber in den Bereichen anwenden, in denen sie bislang überhaupt noch nicht vorhanden sind. Allem voran in unserem Wirtschafts- und Finanzsystem, das (wie weiter oben schon geschrieben) inzwischen ein Eigenleben entwickelt hat, das bedrohliche Ausmaße angenommen hat. Dieses Eigenleben können wir uns schlichtweg nicht mehr leisten. Von der abstrakten Ebene abgesehen, dass jedes System dem Menschen und nicht sich selber dienen sollte – es bedroht ganz konkret das Überleben unserer Spezies auf diesem Planeten. Wir müssen einen Weg finden, das zu ändern. Wenn das gelingen soll, ist es aber notwendig, dass wir das System wieder verstehen. Wir alle, nicht nur ein paar Fachleute (wenn es die überhaupt noch geben sollte).

Zumindest, wenn wir den Fuß noch rechtzeitig vom Gaspedal nehmen und auf die Bremse setzen wollen.

 

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