The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Entwicklungsschritte

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Als Kind bin ich christlich erzogen worden. Nicht übermäßig oder gar bigott, aber doch mit dem Bewusstsein, dass es einen Gott gibt, der über uns wacht und allem einen Sinn gibt. Meine Eltern waren auch keine regelmäßigen Kirchgänger und der Institution an sich gegenüber durchaus kritisch eingestellt, was für deutsche Protestanten auch nicht so ungewöhnlich ist. Unser Pfarrer am Ort war nicht das, was ihren Überzeugungen entsprochen hat, und so haben sie einen anderen in einem 20 km entfernten Ort gesucht, der das war, was sie von einem Pfarrer erwartet hatten. Kein General im Talar, sondern ein relativ aufgeschlossener Christ mit vernünftigen Ansichten. So bin ich als kritischer Christ aufgewachsen, war eine Zeit lang sogar Jungendleiter in unserer Gemeinde. Nach der Zeit des erwähnten Pfarrers, ich hatte ganz im Gegenteil zwei sehr gute Geistliche, mit denen die Zusammenarbeit durchaus Spaß gemacht hat.

Allerdings haben zu dieser Zeit auch zwei Entwicklungen eingesetzt. Einerseits zunehmende Probleme mit der Institution Kirche an sich. Denn während die beiden Pfarrer wie bereits erwähnt ihre Sache sehr gut gemacht haben, erwies sich der Kirchenrat doch eher als bieder und konservativ und die Zusammenarbeit als schwierig und von einigen Konflikten geprägt. Andererseits kam da aber auch eine zunehmende Unsicherheit im Glauben an sich, die nichts mit der Institution zu tun hatte. Ich war mir einfach meiner Sache nicht mehr sicher, ohne genau zu wissen, warum eigentlich. Bis zu dem Punkt, an dem ich mir eingestehen musste, dass von meinem Glauben nichts mehr übrig war.

Das war keine bewusste Entscheidung, sondern einfach eine ganz nüchterne Feststellung. Ich glaubte nicht mehr an Gott. Was nicht bedeutete, dass ich den Glauben anderer Menschen abgelehnt hätte oder eine religiöse oder wie auch immer geartete Begründung dafür gehabt hätte. Es gab auch keinen konkreten Anlass, es war einfach der Endpunkt einer unbewussten und stetig wachsenden Skepsis. Am Ende meiner Teenagerzeit war ich somit Agnostiker geworden.

Dieser Zustand hielt lange Zeit an. Es dauerte auch einige Jahre, bis aus der Kirche austrat, da ich die Arbeit (zumindest der evangelischen Kirchen in Deutschland) durchaus respektiert habe und auch kein Problem damit hatte, das finanziell zu unterstützen. Auch ohne Glauben. Das ganze Thema ist zu der Zeit sehr in den Hintergrund gerückt. Glaube war für mich die Privatsache eines jeden einzelnen. Wer gläubig war, der sollte damit glücklich sein, mein Weg war eben ein anderer. Und auch keiner, an den ich viele Gedanken verschwendet hätte. Der großen Frage nach der Existenz Gottes stand ich insgesamt mit einem sehr indifferenten „man kann es eh nicht beweisen, also ist die Debatte sinnlos“ gegenüber.

Bis ich vor ein paar Jahren wieder damit begonnen habe, mich mit Wissenschaft zu beschäftigen. Das war seit dem Abitur und dem kurzen und fehlgeschlagenen Versuchs eines Philosophiestudiums immer seltener geworden, andere Themen waren mir einfach wichtiger. Aber schließlich (oder vielleicht genau deswegen) kam der Wunsch auf, sich da wieder auf den aktuellen Stand zu bringen. Also habe ich vermehrt Artikel im Internet gelesen und auch ein paar Bücher, hauptsächlich zum Thema Evolutionsbiologie, aber auch ein wenig Physik und vieles andere, was mir gerade so in die Finger kam. Dadurch kam relativ schnell eine Erkenntnis, die vielleicht früher schon unbewusst vorhanden war und meine damalige Abkehr vom Glauben begründet hat –  das stand alles in extremem Widerspruch zu Gott. Nicht einfach nur ein „es passt nicht ganz zusammen“ oder ein „hier sind Bereiche, die kann man nicht so richtig erklären“. Nein, es waren ganz eindeutige Widersprüche, bei denen ein Nebeneinander verschiedener Bereiche keine Option war. Entweder hatte die Wissenschaft Recht oder die Religion. In das Bild eines allwissenden und allmächtigen Gottes ließen sich Evolution, Quantentheorie, etc. einfach nicht integrieren (wobei ich zugeben muss, dass ich es nur im Bereich der Evolutionsbiologie wirklich verstanden habe, bei Quantentheorie und Chemie muss ich mich auf die Interpretation von Wissenschaftlern verlassen, da meine Kenntnisse hier einfach nicht ausreichend sind).
Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto offensichtlicher wurde es. Es kann keinen Gott geben. Oder jedes Gebiet der Naturwissenschaft liegt komplett falsch, was zwar denkbar, aber schlicht unfassbar unwahrscheinlich wäre. Wenn man sich dieser Tatsache stellen wollte – und das musste ich –  so blieb nur ein Wechsel ins Lager des Atheismus übrig. Sich weiter als Agnostiker zu sehen, wäre letztlich nur Feigheit gewesen.
Was letztlich auch bedeutete, dass der Glaube anderer mir ab diesem Punkt nicht mehr völlig egal sein konnte. Sie lagen einfach falsch. Das darf man natürlich, man darf auch falsche Meinungen vertreten. Aber es ändert nichts daran, es ist falsch. Daran gab es nichts zu rütteln.

An sich wäre das ja auch noch nicht mal wirklich entscheidend. Wenn mein Nachbar an die Zahnfee glauben will, dann soll er das tun, das ist schließlich seine Sache. Sofern sie nicht seine Entscheidungen über sein Privatleben hinaus – und damit auch mich – beeinflusst. Doch genau das tut Religion. Menschen treffen aufgrund ihres Glaubens Entscheidungen, und das nicht zu selten oder nur im privaten Rahmen. Religion entscheidet Einstellungen gegenüber anderen. Sie entscheidet Wahlen. Im Extremfall entscheidet sie sogar über Krieg und Frieden, und das nicht nur im Nahen Osten. Sie prägt unser Zusammenleben, unsere Gesellschaft, sie kann und darf einem also nicht egal sein.

Nun habe ich mich in den letzten Jahren nicht nur mit Naturwissenschaften beschäftigt, sondern auch mit Mythenforschung, Anthropologie und vor allem Geschichte – und somit eben auch mit dem Einfluss von Religion auf die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaften.
Auch hier ist das Bild sehr eindeutig: dieser Einfluss war und ist alles andere als positiv. Auch wenn die verschiedenen Religionen nicht müde werden zu beteuern, dass sie der Ursprung unserer ethischen Werte seien (was aus meiner Sicht eine ziemlich dreiste Lüge und Anmaßung ist), so zeichnet sich durch die ganze Historie ein anderes Bild. Es waren so gut wie immer die Kräfte der Aufklärung, die den Menschen und die Gesellschaft weitergebracht haben. Gegen die Religion, die in ihrem Kern fast immer und überall wissenschafts-, fortschritts- und demokratiefeindlich war. Allein der Grundgedanke der Wissenschaft, alles immer zu hinterfragen und zu falsifizieren steht im völligen Widerspruch zu einem System, dass Wahrhaftigkeit für sich in Anspruch nimmt und den „Ungläubigen“ die Wahrheit und die Erlösung abspricht.
Genauso gibt es kaum Beispiele dafür, dass Religion sich von innen heraus zum Positiven verändert hätte. Auch hier war es so gut wie immer Druck von außen, Säkularisierung, Widerspruch seitens der Aufklärung, der auch immer bitterböse bekämpft wurde und immer noch wird – auch wenn den christlichen Kirchen inzwischen die Möglichkeiten einer gewaltsamen Durchsetzung ihrer Interessen genommen wurden. Was aber radikale Christen ebenso wenig von Anschlägen auf Abtreibungskliniken abhält wie fanatische Moslems von Selbstmordattentaten.

Aus der Kombination dieser beiden Sachverhalte kann ich Religion auch nicht mehr so unbeteiligt gegenüberstehen, wie ich es lange Jahre getan habe. Das indifferente Desinteresse ist mittlerweile ganz stark einem anderen Gefühl gewichen: Verachtung. Auch wenn das jetzt die „religösen Gefühle“ eines manchen verletzen mag (was aus meiner Sicht in 99% der Fälle eh nur eine Ausrede dafür ist, sich Kritik nicht stellen zu müssen), genau dieses Gefühl ist es, dass ich bei dem Thema immer mehr spüre. Und das es auch immer schwerer macht, Rücksicht zu nehmen.
Richard Dawkins (den ich erst sehr spät gelesen habe, der aber viele meiner Ansichten bestätigt hat) hat Recht mit seiner Aussage, dass der Atheismus offensiver werden und seine Zurückhaltung gegenüber der Religion aufgeben muss. Unser Leben und unsere Gesellschaft ist lange genug von irrsinnigen religiösen Regeln und Ansichten bestimmt worden.

With or without religion, good people can behave well and bad people can do evil; but for good people to do evil — that takes religion.

Diese Aussage von Steven Weinberg greift zwar etwas zu kurz, da sie auch auf nicht-religiöse Ideologien zutrifft – aber eben dann, wenn Ideologien religiöse Züge annehmen, einen Anspruch auf Wahrhaftigkeit und Alleingültigkeit stellen. Von dem her kann ich ihr letztlich nur zustimmen.

Es wird Zeit, sich dagegen zu wehren und das nicht mehr einfach so hinzunehmen. Die Menschheit sollte endlich so weit sein, Entscheidungen nicht mehr auf der Basis von Aberglauben zu treffen. Und um nichts anderes geht es hier.

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