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Skeptizismus, Whisky und Politik

Urlaub und Snobismus, Teil 3

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Wenn die Stewardess das nächste mal vorbei kommt, kann ich möglicherweise dem Drang nicht mehr widerstehen, sie nach dem aktuellen Wetter auf Romulus zu fragen. Sie muss von dort kommen, ihr Aussehen und ihr Charme lassen keine andere Möglichkeit sinnvoll erscheinen.

Wir sitzen also im Flieger, der uns zurück nach München bringt. Damit habe ich die letzten Tage mit Beiträgen übersprungen, aber obwohl es einiges gegeben hat, was erwähnenswert gewesen wäre, konnte ich mich nicht dazu aufraffen, es niederzuschreiben.

Kein Internet, kein Fernsehen, keine Zeitung, keine Nachrichten – stattdessen Bücher lesen, Reden, Zuhören, Zuschauen, Nachdenken. Nicht, dass das jetzt übermäßig viel Sinn ergeben würde, aber Schreiben wäre in die erste Gruppe gefallen. Auch wenn ich es im Urlaub wie üblich mit Block und Stift erledige (was mir immer erschreckend schwer fällt) und nicht mit dem Notebook, das zu Hause ebenfalls frei hat. Nun aber ist dieses Gefühl am abklingen und ich schreibe einen abschließenden Beitrag, der das Thema der anderen noch mal aufgreifen wird.

Ein Teil des Flusses, in dem ich mich befunden habe und der Schreiben so unpassend scheinen ließ, hatte damit zu tun, dass ich mich recht schnell mit der Situation und den Menschen um mich herum arrangiert hatte. Glücklich (oder auch nur zufrieden) zu sein, hat meist weniger mit den Umständen zu tun als mit der eigenen Haltung ihnen gegenüber. Meine Haltung war, dass ich Urlaub habe und entspannend und genießen möchte statt mich über Dinge zu ärgern, auf die ich sowieso keinen Einfluss habe. Das ist natürlich nicht nur im Urlaub ein guter Plan, hier aber besonders. Nur ist das mitunter gar nicht so leicht, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Je größer aus ausgefeilter diese waren, desto schwerer. Ich versuche deswegen, Erwartungen eher vage zu halten. Aber beim ersten richtigen Urlaub seit Längerem ist auch das nicht die leichteste Übung.Trotzdem, das Einblenden auf die Situation ist recht schnell und gut gelungen.

Aufgeregt habe ich mich nur einmal, das dafür aber dann richtig. Der Auslöser fand auf einer Tour über die Insel statt, die wir am Donnerstag unternommen haben. Fuerteventura a la carte, geführt von einer Deutschen, die seit über 20 Jahren auf der Insel lebt (davon die ersten 9 Jahre allein mit einem alten Kanaren in einer abgeschiedenen Hütte in den Bergen), abseits der ausgetretenen Pfade und mit reichlich Anekdoten und Geschichten, die in keinem Reiseführer zu finden sind. Das klang nicht nur gut, das war auch in der Tat von Anfang bis Ende sehr lohnenswert. Da die Tour den ganzen Tag dauert, ist auch ein Mittagessen dabei. Die fand passenderweise auch nicht in einem Hotel oder eine Touristenfütterungsstelle statt, sondern in einem kleinen Restaurant in dem Fischerdorf El Cotillo im Norden der Insel. Das Menü besteht aus kanarischen Spezialitäten: luftgetrocknete Salami, roher Schinken, Ziegenkäse, Papas Arrugadas mit roter und grüner Mojo, gefüllte Paprika, Paella, gefüllte Datteln. Das alles klingt nicht nur gut, es schmeckt auch so, denn der Koch versteht sein Handwerk. Dazu gibt es zum ersten Mal in dieser Woche einen Wein, der seinen Namen verdient und hinter den Speisen nicht zurückstehen will. Also genau das, was wir die ganze Zeit vermisst haben, auch wenn wir mit dem Buffet im Hotel schon zurecht gekommen sind. Aber das hier ist richtiges Essen, mit Kunstfertigkeit und Liebe zubereitet und mit richtigem Geschmack.

Und genau hier liegt das Problem, denn dieser Geschmack überfordert die Pizza-und-Fritten-Fraktion, aus der unsere Gruppe überwiegend besteht, offensichtlich komplett. Man verzieht das Gesicht, wenn man überhaupt probiert und der Satz des Tisches ist wohl „das kann ich nicht essen“. Und genau hier kommt die Wut hoch. Dass das meiste Essen ohne angefasst worden zu sein, wieder vom Tisch getragen (und schlimmstenfalls im Abfall landen) wird, macht mich nicht nur fassungslos, sondern regt mich auch derbe auf. Als Koch würde ich mir denken „Fahr das Pack nächstes Mal ins McDonalds, aber betritt nie wieder dieses Restaurant!“ Das ist mir dann obendrein auch noch peinlich, denn wir sitzen mittendrin. Wenigstens ist uns gegenüber ein Ehepaar aus dem Osten, dass unsere Sichtweise teilt und genau so beherzt zulangt wie wir. So sind zumindest in der Mitte der Tafel die meisten Platte leer geräumt, aber irgendwann müssen wir einfach kapitulieren.

Wenigstens kann ich dem Kellner später noch begreiflich machen, dass zumindest wir vier das Essen zu schätzen wussten, aber die Sprachbarriere verhindert es, der Scham über das Verhalten der Anderen Ausdruck zu verleihen.

Später verraucht der Zorn und weicht dem Mitleid. Es war ja nicht bösartig, sie wissen es einfach nicht besser. Nur sind die Auswirkungen leider nicht darauf beschränkt, dass ihnen Genuss entgeht. Es führt zu genau den Entwicklungen auf der Insel, die so bedauerlich sind. Und in letzter Konsequenz nicht nur dort, sondern auch hier zu so vielem, worunter wir alle zu leiden haben.

Aber darüber will ich mir im Urlaub dann doch nicht weiter den Kopf zerbrechen.

5 Kommentare

  1. Schon ziemlich krass, vor allem, weil das meiste von den aufgezählten Speisen gar nicht so furchtbar exotisch klingt (mal abgesehen von den Datteln und dem Ziegenkäse, die ich wohl auch stehen gelassen hätte).
    Was sind das eigentlich für Kartoffeln? „Arragudo“ (sowas wie „runzelig“) suggeriert, dass sie wahrscheinlich irgendwie mit Schale gegart wurden… oder?

  2. „arrugado“ meinte ich natürlich

  3. Genau. Das sind kleine Kartoffeln, die in stark gesalzenem Wasser mit Schale gekocht und dann in der Resthitze getrocknet werden. Dadurch bekommen sie eine schrumplige Haut mit Salzkruste drauf.
    Dazu isst man traditionell rote oder grüne Mojo, eine Sauce aus Knoblauch, Paprika, Knoblauch, Öl, Knoblauch, Gewürzen, Knoblauch und Knoblauch.

  4. Herr NegatroN,

    vielen Dank für den Dreiteiler „Urlaub und Snobismus“. Es war mir eine Freude diesen lesen zu dürfen.
    Ich teile viele Deiner Ansichten und Erfahrungen, die Du beschrieben hast. Des Weiteren glaube ich, dass wir beide mal gemeinsam speisen gehen sollten. 😉

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