The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Urlaubsbeginn und Snobismus

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Ich werde zum Snob. Es ist mir unangenehm, aber es ist so. Unterschwellig ist das Gefühl schon seit längerem da. Mein Elternhaus hat mir schon früh einen Hang zu qualitativ Hochwertigem vermittelt, aber seit ich über Whiskyliebhaberei und Slow Food endgültig zum Genussmenschen geworden bin, sind die Ansprüche enorm gestiegen. Vieles, was andere toll finden, erscheint mir fad, blass und billig. Nicht nur, was Essen angeht – in jeder Hinsicht.

Konkret aufgefallen ist mir das erst wieder, als meine durch Bonuspunkte erhaltenen Erste-Klasse-Upgrades für den ICE aufgebraucht waren und ich wieder zurück in die Holzklasse musste. Eng, laut und vor allem unangenehmes Volk wohin man blickt. Das letzte nervt dabei am meisten. Dumme Menschen. Hier möchte ich bitte nicht falsch verstanden werden, es geht nicht um Intelligenz oder Intellektualität. Vielmehr geht es um Stil bzw. den Mangel an selbigem. Menschen, die RTL2 schauen, ohne sich dafür zu schämen (oder zumindest, um drüber zu lachen, was auch nicht sonderlich sympathisch, aber zumindest nachvollziehbar ist). Menschen, die generell laut und aufdringlich sind, ständig und unabhängig von der Situation und ohne Rücksicht darauf, dass es andere offensichtlich stört. Die generell kein Gefühl für ihre Umgebung haben. Die das Durchschnittliche als groß abfeiern. Die sich in ihrer Beschränktheit suhlen statt an ihrer Beseitigung zu arbeiten.

Noch mal ganz deutlich: das ist weder gezwungenermaßen eine Frage von Intellekt noch von sozialer Schichtzugehörigkeit (wobei das zweite doch zumindest eine Tendenz zeigt, sonst wäre es in der ersten Klasse ja nicht angenehmer). Ich kenne für jede Kombination Beispiel und Gegenbeispiele. Vor allem einige „einfache“ Menschen, denen es an vielem mangelt, aber sicher nicht an Stil und Anstand.

Wie komme ich nun gerade heute darauf? Ich sitze am ersten Abend unseres kurzfristig gebuchten Pauschalurlaubs auf dem Balkon unseres Hotelzimmers auf Fuerteventura und lasse den Tag Revue passieren. S-Bahn, Flughafen, Flug, Bus, Hotel. Überall waren wir umgeben von genau den Menschen, über die ich oben geschrieben habe. Aber nicht nur das, man hat inzwischen den Eindruck, dass all das für genau diese Menschen und ihre „Ansprüche“ gemacht ist. Denn all das war letztlich schon OK und nicht wirklich richtig schlimm. Aber eben auch nicht das, was es sein könnte und eigentlich auch sein sollte. Am Hotel tritt das am deutlichsten zu Tage. An sich eine geschmackvolle und saubere Anlage, nur mit zu vielen Zimmern für die Fläche, was gezwungenermaßen zu Massenabfertigung führen muss und Stil und Charme entgegengesetzt ist. Obwohl es nun nicht das billigste Haus am Platz ist.

Ich blicke also mit gemischten Gefühlen über die Poollandschaft hinweg zum Meer. Aber OK, ich werde Spaß haben und es genießen. Für eine Woche bekomme ich das hin, auch mit durchschnittlichem Essen und billigem Alkohol in einem Touristenbunker. Nur fällt es mir schon schwerer als früher (so es mir da überhaupt aufgefallen ist). Denn – auch wenn das nichts ist, worauf ich stolz bin – ich werden nunmal zum Snob.

Aber der Vollmond über dem Atlantik ist nach wie vor genau so phänomenal wie früher.

Ein Kommentar

  1. Ich weiß nicht.
    Solche Dinge immer Frage der Perspektive nicht. Ist es Snobismus, ein anständiges Benehmen von seinem Umfeld zu erwarten? Gerade während einer Reise? Es ist eigentlich schlimm, wenn Stil gleichbedeutend mit Snobismus gesetzt werden muss, weil er nur noch was für die oberen 100 000 der Denkerelite ist.
    Ich kann es verstehen. Man lebt schon eine „Szenekultur“, die in vieler Hinsicht verschrien ist, und stellt auf einmal fest, dass die sich am Ende immer noch besser benimmt als der durchschnittliche Urlaubsreisende.

    „Die sich in ihrer Beschränktheit suhlen statt an ihrer Beseitigung zu arbeiten.“
    Suhlen war schon immer bequemer als arbeiten. Ich könnte es nicht, will es nicht für mich selbst, aber leider ist der Einfluss von außen, der diese Form von Stil propagiert, sehr viel stärker als meine kleine Meinung.
    Wobei … ich weiß wohl, warum ich demnächst die Klatschmedien mit aufs Korn nehme …

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