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Skeptizismus, Whisky und Politik

88. Tasting von Munich Spirits – Das etwas andere Messe-Nachtasting II

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Lineup

In Zeiten von Covid 19 ist alles anders. Zwar ist das Trinken von Whisky für sich genommen nicht problematischer als sonst (hilft aber bei aller Liebe auch nichts), aber zu einem ordentlichen Tasting gehört eben auch das gesellige Beisammensein. Also genau das, worauf wir im Moment alle verzichten müssen. Aber der Mensch ist anpassungsfähig und sucht sich neue Wege, was dann auch für Gerstenmalz-Traditionalisten gilt. Diesmal war also alles virtuell über Zoom. Nur die Whiskys waren echt und an alle Teilnehmer in Probefläschchen versendet.

Das bedeutet für Marco von Munich Spirits einen Extraaufwand, für den hier nochmal ein dickes Dankeschön stehen soll!

Für uns andere ist es zwar schade, sich nicht in echt zu sehen. Aber ganz verkehrt ist es jetzt zu Hause auf der Couch auch nicht, vor allem wenn die Frau neben einem sitzt und mittrinkt. Inzwischen ist die Routine bei Videokonferenzen auch allgemein hoch genug, um so einen Event recht reibungslos über die Bühne zu bringen. Auch wenn es kein vollständiger Ersatz ist, fühlt es sich doch sehr gut an, bekannte Gesichter wieder zu sehen.

Manches ist sogar nicht nur ein Ersatz, sondern sogar eine Verbesserung. Wir nutzen das charmanteste Feature von Zoom und lassen uns in jeder Runde zufällig auf virtuelle Tische verteilen. Damit mischt sich die große Runde acht mal neu durch, was den Konversationen aus meiner Sicht sehr gut tut. Bei realen Tastings bilden sich doch immer wieder dieselben Gruppen und mit einigen hatte ich bislang kaum ein Wort gesprochen, auch wenn ich die Gesichter von den Tastings kannte. Diesmal hingegen hatten wir beinahe alle Teilnehmer einmal in der Gruppe drin und das hat uns sehr viel Spaß gemacht. Es kam auch der Vorschlag, das live abzubilden – wenn Tastings mal wieder regulär stattfinden – und auch dort rundenweise die Tische neu zu besetzen. Eine durchaus spannende Idee, aber ich fürchte, dass sich das dann doch nicht durchsetzen wird.

Nun aber zum eigentlichen Thema, den Whiskys. Es gab diesmal je Paket von jedem Whisky 4cl. Das reicht zum Teilen für Paare und wer allein ist, kann nochmal nachtasten (oder schon vorher probieren, wenn er es denn gar nicht aushalten kann). Wir haben aufgeteilt, die Whiskys aber jeweils schon ein bisschen vor der nächsten Runde eingeschenkt, damit sie etwas Luft bekommen. Das hat in jedem Fall nicht geschadet.

Insgesamt war der Abend eine ordentliche Packung. Acht Whiskys in Fassstärke, sieben davon mit Rauch. Da ist es dann schon auch ganz gut, dass man danach nicht mehr vor die Tür, sondern nur noch rüber ins Bett gehen muss. Im Gegensatz zu einigen hat der Lockdown bei uns bislang nicht zum Hobbyalkoholismus geführt, wir sind also nicht mehr ganz so gut in Übung.

1. Glenallachie, Berry Brothers & Rudd, Sherry Butt, 10 Jahre, 56.8%

Zur Eröffnung der einzige Whisky ohne Rauchanteil, dafür mit ordentlich Sherryfass in der Nase. Intensiv, aber ohne jede Schwefel oder Fehlnote. Dafür macht der Geruch schon klar, dass hier Wasser durchaus nicht verkehrt sein könnte. Ohne Vorlauf sind knapp 57% schon sportlich für die Geschmacksknospen, der Glenallachie bringt schon gut Antritt mit, wobei der Sherry im Vordergrund steht. Mit etwas Wasser kommen auf einmal Fruchtnoten dazu, er verliert seine übermäßige Kraft und wird sehr ausgewogen. Jetzt bindet sich auch der Sherryeinfluss feiner ein und sticht nicht mehr heraus. Mir gefällt der sehr gut, den würde ich gern nochmal nach einem anderen Whisky trinken, der Mund und Rachen erst mal auf Whisky einstellt. Die Idee, das vorher zu machen, kam mir leider erst nachher.

Ich bin ganz nebenbei nicht der einzige, dem der Whisky einheizt, bei uns „am Tisch“ werden die ersten Kleidungsstücke abgelegt. Wenn das so weitergeht, ist es vielleicht ganz gut, dass auf der Kamera nur die Oberkörper zu sehen sind.

2. Ardmore, Single Cask Collection, matured in Ex-Laphroaig Barrel, 61.1%

Ardmore gehört zu den wenigen Destillerien in der Speyside, die stark rauchige Whiskys brennt. Dieser hier wurde obendrein in einem Laphroaig-Fass nachgereift. Wie hoch der Anteil am deutlicher Rauch in der Nase daran ist, ist schwer zu sagen. Laphroaig-typisch ist er jedenfalls nicht, ich habe hier sehr viel mehr die Assoziation von kalter Asche als von Jod und Pflaster.

Im Munde kommt der Rauch auch gar nicht mal so deutlich raus, wie der Geruch vermuten lassen würde. Insgesamt wirkt er überraschend mild, was aber vielleicht auch am Vergleich zum Vorgänger liegen mag. Trotzdem verträgt auch der hier Wasser, was zu einer sehr deutlichen und schnellen Veränderung führt. Auf einmal mischt sich viel Frucht zum Rauch, der dann immer noch wahrnehmbar ist, aber eben nicht mehr im Vordergrund. So finde ich den sehr gelungen.

3. Ben Riach, OB, peated, Oloroso Sherry Cask for Kirsch Import, 13 Jahre, 57.1%

Zurück im Hauptraum gibt es schon die ersten Empfehlungen, die Nummer Drei besser ausfallen zu lassen. Das schaukelt sich ein bisschen hoch, so dass wir dann schon mit hochgezogener Augenbraue an das Glas gehen. Der Geruch ist aber auch wirklich schon die volle Ladung Klebstoff und Silikonfuge (danke für die Assoziation). Auch geschmacklich ist das jetzt eher – sagen wir mal – interessant als eine Offenbarung. Ich kann das gar nicht richtig beschreiben, irgendeine sehr dominante und unangenehme Fehlnote. Also eigentlich genau das, wo einen alle Sinne „Nicht trinken!“ schreien. Ein Ratschlag, der von den meisten dann auch befolgt wird.

Keine Ahnung, was da passiert ist. Marco fand ihn mindestens beim Auswählen gut. Ob das an dem Abend auch noch so ist, wird nicht so ganz klar, aber wir sind inzwischen auch ein gutes Stück von einer Stimmung entfernt, die objektive Urteile ermöglichen würde.

4. Ledaig, Douglas Laing, Old Particular PX Sherry Butt, 48.4%

Der nächste Whisky kann da eigentlich nur gewinnen. Allerdings sind wir alle immer noch so mit Geblödel beschäftigt, dass wir uns gar nicht so sehr im Detail mit dem Ledaig beschäftigen. Ich kann mich erinnern, dass er ziemlich kräftig und voluminös war und dass der Rauch hier eher dezent im Hintergrund war statt sich nach vorne zu drängeln. Gut, aber nicht mein Favorit an diesem Abend.

5. Coal Ila, Lord of Islay by Whiskykeller, Bourbon Cask, 10 Jahre, 51.1%

Der kommt nach einer kurzen Pause, die wir auch ausfallen lassen und einfach an unserem „Tisch“ weiterquatschen. Gegessen haben wir eh schon vor dem Tasting. Von Caol Ila gibt es eine Unmenge an unabhängigen Abfüllungen, die eine ziemliche Wundertüte sein können. Den hier finde ich fantastisch. Wie oft ist er optisch sehr hell, was sich aber auch in der Nase und im Mund fortsetzt. Alles wirkt frisch und jung, helle Früchte, Rauch dazu, aber alles extrem ausgewogen und schön abgestimmt. Nichts ist dominant, alles fügt sich zu einem richtig leckeren Bild zusammen. Hier ist es dann extrem schade, dass da nur ein Glas rausgeht, denn da würde ich direkt gern weitertrinken. Mein Gewinner des Abends.

6. Islay Single Malt, Finest Whisky Berlin, 10 Jahre, bekannt als Lagavulin, 54.2%

Lagavulin darf nicht drauf stehen, ist aber drin. Typisch hier die Eleganz der Abfüllung, ein Spiel aus hohen Zitrusnoten und schweren Elementen darunter, die aber miteinander tanzen als miteinander zu ringen. Deutlich kräftiger als der Coal Ila davor, obwohl er von den Prozenten her in einer ähnlichen Liga spielt. Hätte mich der Vorgänger nicht so begeistert, würde ich ihn vermutlich noch besser bewerten, denn das ist in der Tat eine sehr gelungene Abfüllung.

7. Caol Ila, Signatory Vintage, Hogshead, 11 Jahre, 58.6%

Caol Ila die zweite und ansonsten auch hier eine grundsätzlich ähnliche Ausrichtung wie die beiden Abfüllungen davor. Diesmal mit etwas mehr Ecken und Kanten als der Lord of Islay, was allgemein sehr gut ankommt. Ich ziehe allerdings die Ausgewogenheit des anderen vor.

8. Scotch Universe IO III – 103° P.2.1‘ 1815.4“, First Fill Oloroso Laphroaig, 57.8%

Ein Tasting ohne Laphroaig ist kein Tasting, dieser Satz fällt auch heute Abend wieder. Also wird es ein Tasting und zwar eines mit einem mächtigen Abschluss. Viel Kraft, viel Aroma, bei dem die typischen, extremen Töne von Laphroaig im Sherryfass einen würdigen Gegenpart finden. Allerdings merke ich, dass nach den ganzen starken Abfüllungen meine Geschmackssinne inzwischen deutlich nachlassen, so dass ich die Klasse dann doch eher vermuten muss. Aber so richtig sinnvoll bewerten geht nicht mehr so ganz.

Ich hatte aber auch schon auf der Finest Spirits Abfüllungen von Scotch Universe probiert und war da generell sehr angetan. Die waren in der engeren Auswahl für einen Einkauf, auch wenn der dann letztlich doch bei Villa Konthor erfolgt ist.

Alles in allem ein sehr lustiger und schöner Abend. Keine Frage, ich will das auch mal wieder live mit anderen zusammen machen. Aber bis dahin ist diese Form ein absolut würdiger Ersatz, der Social Distancing um ein gutes Stück erträglicher macht.

Vielen Dank an Marco und Munich Spirits!

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