The Mindmachine

Skeptizismus, Whisky und Politik

Finest Spirits München 2012

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Die Finest Spirits gehört immer noch zu den Höhepunkten in meinem Whiskyjahr, auch wenn ich die Entwicklung inzwischen ein wenig kritisch sehe. Kennengelernt hab ich die Messe noch unter dem Namen Munich Whisky Festival vor einigen Jahren auf der Praterinsel. Damals war es eine eher kleine, aber ausgesprochen feine Veranstaltung, mit viel Flair und einem Rahmen, der sowohl den Profis Zeit und Raum zum Fachsimpeln geboten wie auch den Neulingen genug Einstiegspunkte zum Thema Whisky gegeben hat. Aber nach all den Jahren wird die Messe (inzwischen im MVG-Museum) immer mehr zum Massenevent, mit dem entsprechenden Publikum dazu.

Das mag im Sinne der Veranstalter sein, für die sich eine solche Messe sicher mehr lohnt als in der alten Form. Ich hingegen finde eine es zunehmend anstrengend, die für mich interessanten Sachen zwischen immer mehr für mich uninteressanten Ständen und den ganzen Menschen raus zu picken. Dass bei der Lautstärke und dem Andrang Gespräche am Stand immer schwieriger werden, tut das seine dazu. Obendrein macht es auch die Hinführung von Neulingen an das Thema schwerer. Ob ich unter diesen Umständen ein so ausgeprägtes Faible für Whisky entwickelt hätte wie damals auf der Praterinsel? Ich weiß es nicht.

Damals gab es übrigens auch noch zur Karte vier Blankogutscheine, die man an allen Ständen gegen eine Probe einlösen konnte (auch für teurere Tropfen, wenn man was draufgelegt hat), was mir einige wirklich spannende Entdeckungen beschert hat. Inzwischen sind es vier feste Gutscheine für Proben, die nicht nur für mich komplett uninteressant waren. Chivas Regal? Singleton? Der inzwischen obligatorische Obstbrand? Das alles teilweise auch noch an eigenen „Abfüllständen“ ohne jede Hintergrundinformation? Was soll das? Dass etliche Besucher die Gutscheine weggeworfen haben (weil man sie mangels Interesse nicht mal verschenken konnte), mag ebenfalls gut für die Einnahmen sein. Dem Publikum bringt es aber in dieser Form rein gar nichts.

Aber genug gemeckert! Trotz der kritischen Worte hatte ich an diesem Tag viel Spaß, habe gute Leute getroffen und weit mehr als einen trinkenswerten Tropfen verkostet. Kommen wir also zum eigentlichen Bericht:

Die Schlange an der Garderobe wird von den Mädels dort überraschend schnell abgearbeitet, so dass es am Eingang schlimmer aussieht, als es tatsächlich ist. Von dort gilt es erst mal, sich einen kleinen Überblick zu verschaffen und eine Einstiegsdram zu suchen. Wir kommen dabei zufällig vor einem kleinen Stand zu stehen, an dem zwei Damen dazu abgestellt sind, den Gutschein für den Singleton entgegen zu nehmen. Dafür gibt es den 15jährigen. Kenn ich schon und finde ich auch höchst unspektakulär, aber um den Gaumen am frühen Nachmittag auf Alkohol zu tunen ist es vielleicht gar nicht so verkehrt. Gutschein eingelöst, Glas gefüllt, Freunde getroffen, unterhalten, Glas dabei gelehrt und Inhalt umgehend vergessen.

Eine Neuerung dieses Jahr sind mehrere Stationen, an denen man sein Glas gegen ein frisches umtauschen kann. An sich ein sehr gute Idee, denn etliche Whiskies (oder andere Spirituosen) halten sich ja trotz Spülen recht hartnäckig im Glas. Der Nachteil ist allerdings, dass man durch das fehlende Ausspülen weniger Wasser trinkt. Gefährlich für den Verlauf des Abends und vor allem des nächsten Tages.

Hinter der ersten dieser Stationen fällt uns der Stand der Villa Konthor auf. Über das zugehörige Tasting hab ich ja erst geschrieben, aber da die anderen nicht dabei waren, machen wir hier eine Weile halt und gehen auf das Thema Whisky und Schokolade ein. Ich wähle eine Kombination, die mir noch unbekannt ist – ein 9jähriger Bunnahabhain aus dem Sherryfass mit einer weißen Vanille-Schokolade. Der Whisky ist toll, Leder und Sherry, und trotz seines vergleichsweise jungen Alters schon recht ausgewogen und komplex. Hingegen ist die Schokolade für meinen Geschmack etwas zu süß, aber das liegt in dem Fall in der Natur der Sache. Kombiniert ist der Effekt sehr eigenwillig; zwar hebt sich die Süße der beiden Komponenten eher auf als sich zu verstärken, der Whisky erinnert aber auf einmal an Grappa. Nicht übel, aber den Bunna würde ich in dem Fall eher alleine nehmen.
Bei der Gelegenheit kauf ich dann auch gleich mal den Ben Riach vom Tasting letzten Donnerstag.

Zwei Ecken weiter kommen wir an einem Exoten vorbei, der uns neugierig macht. Säntis Malt aus der Schweiz, im Bierfass gelagert und von Jim Murray hochgelobt. Am Tischrand stehen die verschiedenen Abfüllungen zum Riechen bereit und alle 4 zeigen viel eigenen und eigenwilligen Charakter. Bei mir wird es die „Edition Dreifaltigkeit“, aus einem Malz, das über einer Mischung von Torf und Apfelholz getrocknet wurde (bislang war mir nicht mal bewusst, dass es in der Schweiz Moore gibt). Der Geruch erinnert an Schwarzgeräuchertes, aber auf eine andere Art als die getorften Schotten. Auch der Geschmack ist sehr eigen, ölig, würzig, ebenfalls mit einer Specknote, dazu ein bisschen Frucht, Heu und Erde. Das weiß durchaus zu gefallen. Ich mag es eh, wenn Whiskies einen eigenen Charakter haben und Destillerien aus anderen Ländern nicht einfach nur Schotten und Iren kopieren. Den behalte ich mal im Auge.

Während wir weiter über Switch statt Scotch witzeln, treffen wir auf Käfer von Munich Spirits, der uns einen heißen Tipp gibt. Um die Ecke wird ein 24jähriger Glengoyne ausgeschenkt, der seiner Meinung nach das Highlight der Messe ist. Offensichtlich hat sich das nicht nur bis zu uns herumgesprochen, denn an dem Stand macht man bereits die letzten Flasche dieses Tropfens auf, und die Bestände außerhalb der Messe sind ebenfalls bereits weitestgehend geplündert. Zu Recht! Ein mächtiger Whisky aus dem Sherryfass, tiefgründig und erdig, der seine Zeit im Glas braucht, das Warten dann aber völlig belohnt. Um es mal salopp zu sagen: GEILER SCHEISS!
Allein für solche Tropfen lohnt die Messe immer wieder, aller Kritik zum Trotz.

Essenspause. Das Backhendl ist zwar nicht besonders reichlich, aber durchaus schmackhaft. Eine Flasche Wasser dazu schadet auch nichts.

Gut, einen Nutzen hat auch der Chivas-Gutschein: man kann den Mund nach dem Essen ausspülen. Zwar nur mit mageren 1 cl, aber mehr davon hätte ich in dem Fall eh nicht gebraucht. Daneben gibt es Glenlivet und da ich den 18jährigen nicht kenne, schließe ich diese Bildungslücke. Durchaus ein guter Tropfen, aber für die Messe und das Gewusel vor der Chivas-Bar ein wenig zu feingliedrig und zurückhaltend. In einer anderen Umgebung kann der vermutlich mehr. Aber als Mitglied der Guardians of The Glenlivet bin ich möglicherweise auch nicht ganz objektiv. 😉

Eine weitere Lücke will auf dieser Messe gefüllt werden: Elijah Craig gilt vielen als der beste Bourbon, war mir aber bislang nicht bekannt. Mit 12 Jahren für einen Bourbon ziemlich alt, ist der überraschend ausgewogen. Keine Holzdominanz, wie man erwarten könnte, sondern ein sehr schöner, ausgeglichener Geschmack mit Vanille, Karamell und ein bisschen Frucht. In der Kategorie Bourbon wirklich ausgezeichnet! Wenn der Maker’s Mark im Regal ausgetrunken ist, wird der sehr sicher seinen Platz einnehmen.

Es hilft nichts, es wird Zeit für einen Monster Malt! Also auf zum Stand von Munich Spirits, wo diese Premiumklasse unter den Whiskies aufgebaut ist. Natürlich liegen die auch preislich in einer Region, die eine Beschränkung auf ein oder maximal zwei davon notwendig macht. Also erst mal die Auswahl eingehend betrachten und dann mit Pit Krause diskutieren, der sich für die Monster Malts verantwortlich zeigt und selten ein schlechter Ratgeber ist.

Bei mir wird es dann ein Springbank 1966 – 1998 OB ‘Local Barley’ Cask 498, 55,3%. Auch dieser Tropfen braucht Zeit und eigentlich auch mehr Ruhe, als die Messe bietet. Pits Beschreibung, dass der „unheimlich intellektuell“ wäre, trifft es sehr gut. Da steckt verdammt viel drin, aber es will ergründet werden und springt einen nicht direkt an. Leider war ich dort am Stand so in Gespräche eingebunden, dass ich mir kaum Notizen gemacht habe, weswegen ich nur wenig davon reproduzieren kann. Insgesamt schon sehr sehr gut, aber vor allem interessant. Trotzdem musste er sich dem Glengoyne klar geschlagen geben. Und auch noch einem späteren Tropfen, der erfreulicherweise ebenfalls im erschwingliche Bereich lag – im Gegensatz zu diesem alten Springbank.

Wir bleiben hier am Stand, denn neben anregenden Gesprächen gibt es hier auch neben den Monster Malts noch etliche wunderbare Abfüllungen. Zum Beispiel einen Longmorn von Cadenhead aus der „Dumpy Brown Bottle“, die allein schon kultig ist. Auch hier versagt leider meine Erinnerung. Ich weiß noch, dass auch dieser Whisky aus dem Sherryfass war und mir ausgesprochen gut geschmeckt hat. Das war es aber auch.

Klare Erinnerung hingegen hab ich an den Messe-Whisky. Diesmal gab es das Experiment, mit zwei Fässern Ayinger Celebrator nach Schottland zu fliegen und in die dort geleerten Fässer zwei verschiedene Whiskies zur Reifung zu füllen (die Dokumentation der Reise findet sich auf Youtube). Das musste selbstverständlich probiert werden! Nummer eins der beiden war ein 4 Jahre alter Glenglassaugh, der erst im Rotwein- und dann im Celebratorfass ruhen durfte. Eigenwilliger, extrem blumiger Geruch mit Prickeln in der Nase wie beim Champagner. Der Geschmack war durchaus spannend, aber doch noch sehr unfertig. Wein und Bier liefern sich Gefechte im Mund und der Ausgang des Ganzen bleibt unklar. Von der Idee her gut, aber der hätte auf alle Fälle noch Zeit gebraucht, um sich zu entwickeln und zu finden.
Besser gelungen ist Nummer 2, ein Cragganmore mit 14 (?) Jahren. Hier wirkt die Kombination mir dem Bierfass recht harmonisch und auch weit weniger süßlich. Allerdings auch weniger spektakulär. Ich bin mir nicht sicher, ob der mir ohne Wissen um das Celebratorfass als was besonderes aufgefallen wäre.
Zusammengenommen schon interessant zum Probieren, aber nicht überzeugend genug um sie zu kaufen.

Wo wir schon bei Experimenten sind, halten wir noch eben am Nachbarstand, an dem es den italienischen Gin Mare gibt. Wie jeder Gin basiert der auch Wacholder, die anderen Kräuter sind aber typisch mediterran. Thymian, Olive, Basilikum, Rosmarin – alles einzeln destilliert und dann zum Gin zusammengefügt. Das hat in der Tat einen mediterranen Touch, ist sehr erfrischend und sehr gut trinkbar. Damit gibt es inzwischen wirklich einige Premium-Gins, die auch pur überzeugen können und nicht nur im Longdrink oder Cocktail.

Einer geht noch, und das ist dann mein persönlicher Favorit, den ich auch unbedingt noch anschaffen muss. Bruichladdich gehört zu meinen erklärten Lieblingsdestillerien und da Pit einen ganz besonderen am Stand hat, MUSS ich den noch probieren. Unabhängige Abfüllung aus der Micro Provenance Series für Malts & More, 21 Jahre alt, 48,2%, erst im Bourbon- und dann im Chateau d’Yquem-Weinfass gelagert. Hammer! Tiefdunkle Farbe und eine ähnliche Richtung wie Sherryfass-Lagerung, aber eben ohne die schwefeligen Noten, sondern mit einer ganz eigenen Süße und einer laaaangen Entwicklung. Brauch ich!

Das war aber nun eindeutig der letzte Whisky, der reinpasst. Zumindest pur. Zwei Stände weiter mischt Jan Schaefer, der Barchef vom Bayerischen Hof Cocktails und soll Gerüchten nach einen verdammt guten Whiskey Sour machen. Stimmt! Ausgefallene Rezeptur mit dem bereits verkosteten Elijah Craig, Eiweiß, Fernet Branca und Limetten (und anderem). An diesem Punkt ist es wahrscheinlich gut, dass die Zeit schon vorangeschritten ist und die Messe langsam schließt. Die Drinks sind so gut, dass der Abend noch wirklich böse hätte enden können.

So bleibt es aber dabei, war ja auch insgesamt nicht zu wenig. Aber ab und an muss man sich auch mit Niveau betrinken dürfen. Sláinte und bis zum nächsten Jahr!