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Skeptizismus, Whisky und Politik

Whisky ’n More Bochum 2013

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wnm01Wie schon im letzten Jahr hatten wir auch heuer wieder die Gelegenheit, zwei Whiskymessen in recht kurzem Abstand zu besuchen und einmal mehr hätte der Kontrast kaum größer sein können. Während sich die Finest Spirits in München inzwischen vor allem durch ihre Größe (mit allen Vor- und Nachteilen) definiert, ist die Whisky ’n‘ More in Bochum vor allem klein, überschaubar und besitzt eine Menge Charme. Ganze 18 Aussteller finden in den Räumen der Gesellschaft Harmonie Platz, die vom Ambiente her an ein altes englisches Landhaus erinnert, inklusive knarzender Parkettböden, Holzvertäfelung und ausgeblichener Gobelins. wnm2Die Anzahl der Besucher ist auf 200 pro Tag beschränkt, dafür kann man zwischen den Ständen essen, rauchen oder auch singen (was alles von den anwesenden Schotten praktiziert wird und durchaus zur Atmosphäre beiträgt). Alles wirkt weniger professionell, aber auch sehr viel lockerer und unstressiger. Die großen Marken sind hier nicht vertreten, sondern kleine Läden und unabhängige Abfüller aus der Region. Ebenso liegt der Schwerpunkt eher auf bezahlbaren Tropfen als auf exklusiven und ausgefallenen Premiumabfüllungen. Die Whisky ’n‘ More ergibt damit für uns nicht nur als guter Zeitvertreib, sondern auch als Einkaufsmesse absolut Sinn.

wnm_classicofislayZur Eröffnung schauen wir bei Mani vom Charivari vorbei, den wir vom letzten Jahr und auch von einem Tasting her kennen. Der überrumpelt uns direkt mit dem Classic of Islay. Eigentlich viel zu krass für den Einstieg, weil typisch für die kräftigeren Inselvertreter. Angeblich ist es ein Lagavulin, erkannt hätte ich den aber nicht. Gar nicht übel, aber doch ein wenig heftig für Geschmacksknospen, die eher noch im Frühstücksmodus sind.

Also erst mal was einfacheres. Direkt gegenüber ist der Stand von Steeler Whisky Fass, die massig wnm_longmornWhisky aus der Signatory-Reihe und Edradour dabei haben. Die letztgenannten interessieren mich nicht, die Signatorys aber schon eher. Meiner ist dann auch gleich ein absoluter Volltreffer. Ein Longmorn 1996 aus dem Refill Sherry Butt und endlich ein würdiger Vertreter über den ausgelaufenen 15jährigens Longmorn OA (über dessen Einstellung ich mich immer wieder aufs Neue aufregen könnte). Reifer, voller, runder und cremig-schmelziger Geschmack, genau so wie ich Longmorn haben möchte. Obendrein zu einem absolut phantastischen Preis, irgendwie scheint die niemand auf dem Schirm zu haben. Ich hab hier keinen mitgenommen (der Tag war ja noch jung), aber inzwischen hab ich ihn bestellt. Meine Frau nimmt einen 17jährigen Glenburgie und auch der kann was.

wnm_wemyssAuch am nächsten Stand, Feines bei Feuerstein, geht es gut weiter. Ich nehm einen Red Berry Cream von Wemyss Malts. Wemyss ist ein altes schottisches Familienunternehmen mit der Philosophie, dass ein bestimmter Geschmack im Vordergrund stehen sollte und nicht eine Destillerie. Deswegen haben ihre Abfüllungen nur sprechende Namen und keine Herkunft. Der Name trifft es in dem Fall auch völlig, denn dieser Whisky erinnert stark an Erdbeeren und Sahne. Ziemlich außergewöhnlich und ebenfalls ein Kandidat für die Einkaufsliste. Bei meiner Frau wird es eine positive Überraschung in Form eines Glenmorangie Astar. wnm_glenmorangieAlle mir bekannten Glenmorangies waren bislang ordentlich, aber eher unspektakulär. Der hier sticht dann aber doch heraus. Hier zeigt sich tatsächlich mal ganz extrem das ziemlich gutsortierte Fasslager von Glenmorangie, denn diese Fässer sind wohl mit viel Sorgfalt ausgewählt worden. Das Ergebnis ist ein kräftiger, wuchtiger, aber dabei sehr trotzdem sanfter Whisky. Fein.

wnm_blairatholEin kurzes Treffen mit Bekannten, Tipps austauschen, weiter in den ersten Stock. Am Stand von Anam Na H-Alba gibt es eine eigene „normale“ Linie und mit der MOOR-Collection eine Premium-Reihe. Bei mir wird es ein 23jähriger Blair Athol mit Cognacfinish aus der ersten, bei meiner Frau ein 1976er Tomatin aus der wnm_tomatinzweiten. Damit gewinnt sie geschmacklich, denn der Tomatin ist eine Granate mit viel Sherry (mir persönlich etwas zu viel), während der Blair Athol zwar ganz nett ist, meine Erwartungen aber nicht ganz erfüllt. Das Cognacfass kommt leider nicht so deutlich raus, wie ich es gehofft hatte. Preislich spiegelt sich das aber auch wieder, denn der Tomatin liegt in jedem Fall über unserem Etat.

Zum Essen gibt neben Kleinigkeiten drinnen einen Schweinebraten aus dem Smoker draußen auf der Terrasse. Für uns Bayern etwas ungewöhnlich mit Whiskysauce, aber Sauce wie Braten sind sehr gut und obendrein auch ziemlich reichlich. Gute Grundlage für einige weitere Whiskys.

Wir schauen bei Andy McNeill vorbei, bei dem wir in München gerne den 17jährigen Bowmore gekauft hätten, von dem wir ziemlich begeistert waren. Wir haben Glück, er hat wieder welchen vorrätig und somit ist auch klar, welche Flasche heute den Besitzer wechselt. Außerdem probieren wir noch einen jungen Bowmore bei ihm, der aber nicht mithalten kann.

wnm_clynelishEine Pflichtadresse, die wir in München vernachlässigt haben, ist die Villa Konthor. Hier hat man diesmal wieder was ausgefallenes dabei, nämlich Marmelade mit Whisky. Alle Versuche in der Richtung konnten uns bislang nicht überzeugen, weil der Whisky meist nicht rausgekommen ist. Nicht so hier! Wir probieren uns quer durch alle Marmeladen (und teilweise den zugehörigen Whiskys) und sind durchweg begeistert. Bei allen ist die Mischung gelungen und die Whiskys sind immer noch erkennbar, man kann sie sogar recht eindeutig den Flaschen zuordnen. Top! Obendrein probieren wir hier auch den nächsten klaren Einkaufskandidaten in Form eines 15jährigen Clynelish. Absolut feiner Tropfen mit einem “Bisschen was von allem“, sehr komplexe, runde und volle Mischung aus ganz verschiedenen Aromen. Ich fange langsam an, schwer mit mir (und meinem Geldbeutel) zu ringen.

wnm_galileoAm Stand von Saxo Bar / Abraxas sind etliche Ardbegs aufgereiht. Auch die, die man im Handel nicht mehr ohne weiteres bekommt, wie der Galileo, der vor allem durch eine ausgedehnte (und durchaus gelungene) Marketingkampagne preislich innerhalb kürzester Zeit durch die Decke gegangen ist. Das ist die Gelegenheit um zu überprüfen, ob der Geschmack da auch mithält. Einfach Antwort: nein. Der Galileo ist gut und für einen Ardbeg erstaunlich fruchtig und wenig rauchig, aber die inzwischen veranschlagten Preise stehen in absolut keiner Relation dazu. Ich hätte noch nicht mal den ursprünglichen Preis gezahlt, denn auch der lag deutlich über den Uigeadail, an der der Galileo nicht ansatzweise heranreicht. Whisky für Sammler, nicht für Trinker.

wnm_kavalan1Nebendran am Stand von The Whisky Cask sind eine ganze Reihe asiatischer Whiskys aufgebaut. Und auch mehrere Abfüllungen von Kavalan aus Taiwan. In München hatte man sich standhaft geweigert, uns Informationen dazu zu geben. Das ist hier nicht so. Somit geben wir der Destillerie noch eine Chance und werden auch nicht enttäuscht. Im Gegensatz zur reichlich faden Standardabfüllung weiß die Solist-Reihe durchaus zu überzeugen. wnm_kavalan2Meine Frau nimmt den aus dem Vinho Barrique Fass, ich den aus dem Fino Sherry Cask und beide zeigen durchaus eigene Noten, wobei der erste der Gewinner ist. Exotische Früchte wie Kiwi geben dieser Abfüllung eine ganz eigenständige Note, die uns beiden ziemlich gut gefällt. Die Preise für die Flaschen sind zwar insgesamt etwas zu hoch, aber hier hat der Exot dann doch seine Berechtigung.

Das soll dann aber auch der Abschluss sein, denn die Geschmacksnerven beginnen nachzulassen. Die Ausbeute an guten Tropfen war eh nicht gerade niedrig. Nebendran geben Andy McNeill und ein schottischer Freund von ihm Lieder aus ihrer Heimat zum besten und wären wir nicht verabredet, könnten wir uns durchaus vorstellen, hier noch zu versumpfen. So aber ist es für heute genug. Hoffentlich bis zum nächsten Mal, es hat sich in jedem Fall wieder gelohnt!

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